Zeitungs-Interview mit Finanzvorstand
Yukos offenbar kurz vor der Pleite

Der angeschlagene russische Yukos-Konzern darf nach eigenen Angaben bis Ende September Erdöl fördern und verkaufen. Eine Pleite ist jedoch bereits in den nächsten Tagen sehr wahrscheinlich.

HB MOSKAU/LONDON. „Alles Bargeld haben wir bereits zusammengekratzt. Wir können nicht überleben“, sagte Yukos-Finanzvorstand Bruce Misamore in einem am Montag veröffentlichten Interview der britischen Zeitung „Financial Times“. Die Justizbehörden halten im Zwangsvollstreckungsverfahren gegen den größten russischen Ölexporteur dessen Aktiva und Konten gesperrt.

Analysten in Moskau äußerten am Montag wenig Hoffnung, dass Misamores Ankündigung einer „sehr wahrscheinlichen“ Pleite den Druck der Justiz verringern könnte. Um eine baldige Yukos-Pleite und damit mögliche Exportausfälle zu vermeiden, hatten in der Vorwoche selbst die russischen Energiebehörden eine Freigabe der Yukos- Geschäftskonten gefordert.

Nach Angaben Misamores gerät das operative Geschäft von Yukos zunehmend in Gefahr. Weder mit dem staatlichen Pipelinebetreiber noch mit der Russischen Eisenbahn seien bislang Transporte über den August hinaus vereinbart worden.

Der Ölkonzern ist rechtskräftig zur Zahlung einer Steuerschuld von knapp 2,8 Mrd. € für das Jahr 2000 verurteilt. Für 2001 kommt eine ähnliche Summe auf Yukos zu. In Branchenkreisen gilt als sicher, dass der Kreml das Vorgehen der Justiz steuert, um die Yukos- Ölreserven wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen.

Yukos darf bis Ende September Öl fördern und verkaufen

Der angeschlagene russische Yukos-Konzern will sich nach eigenen Angaben so lange wie möglich gegen einen drohenden Bankrott stemmen. „Unsere internen Quellen sagen uns - und wie sie wissen gibt es seit einigen Jahren keine Staatsgeheimnisse mehr -, dass es eine Anordnung gibt, Yukos kurzfristig alle seine Verträge nach innen und außen erfüllen zu lassen“, sagte der Direktoriumsvorsitzende Viktor Geraschtschenko am Montag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Ich gehe nicht davon aus, dass das Unternehmen bis Ende September Schwierigkeiten haben wird, zu fördern, seinen Raffineriebetrieb aufrecht zu erhalten und zu verkaufen. Was geschehen wird, wenn alle aus dem Urlaub zurückkommen, weiß ich nicht“, ergänzte er.

Die Gerichtsvollzieher wollen das Kerngeschäft von Yukos, Yuganskneftegaz, verkaufen, was der Zerschlagung des Konzerns gleichkäme, da Yugansk rund 60 % des gesamten Yukos-Öls bereitstellt. „Das Unternehmen wird einen Bankrott so lange wie möglich verhindern“, bekräftigte Geraschtschenko.

Yukos fördert mit Yugansk rund ein Fünftel des gesamten Öls Russlands, das weltweit der zweitgrößte Öllieferant ist. Mit dem Verkauf Yugansks wurde vergangene Woche die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein beauftragt. Der Konzern erwirtschaftete im ersten Halbjahr einen Nettoverlust von 77,59 Mrd. Rubel (2,65 Mrd. Dollar), wie das Unternehmen am Montag bekannt gab. Yukos habe in diesem Zeitraum zusätzliche Steuern von 51,376 Mrd. Rubel (1,76 Mrd. Dollar) gezahlt. In der ersten Hälfte 2003 hatte Yukos noch einen Gewinn von 33,59 Mrd. Rubel erzielt.

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