Zeitungsbericht
Strommasten stammen aus der Vorkriegszeit

Als die Strommasten im Münsterland reihenweise unter der Last von Eis und Schnee umknickten, machte RWE dafür alleine die Naturgewalten verantwortlich. Doch Stück für Stück kommt heraus, dass das Netz marode ist. Bei anderen Stromversorgern sieht es offenbar genauso schlimm aus.

HB DORTMUND. Ein großer Teil der 44 000 Strommasten des RWE- Hoch- und Höchstspannungsnetzes wird bereits seit mehr als 65 Jahren genutzt. Wie der Konzern auf Anfrage der „Berliner Zeitung“ (Mittwochsausgabe) einräumte, wurden 10 300 der derzeit genutzten Hochspannungs-Masten bereits vor 1940 errichtet. Auch nach den Mastbrüchen im Münsterland, durch die kürzlich mehr als 200 000 Menschen mehrere Tage lang von der Stromversorgung abgeschnitten wurden, plane der Konzern offenkundig keinen Komplettaustausch dieses Altbestandes.

Wie RWE erklärte, würden nur solche Altmasten ausgetauscht, die „nicht torsionssicher“ seien, also extremen Zug-Belastungen eventuell nicht mehr stand halten würden. Wie aus internen RWE-Unterlagen hervorgehe, betreffe diese Austauschregelung im wesentlichen nur jene Strommasten, die vor 1930 errichtet wurden, berichtet die Zeitung. Der Rest gelte zunächst einmal als grundsätzlich sanierungsfähig.

Nach Angaben des Konzerns handelt es sich bei der extrem langen Nutzung der Altmasten nicht um „ein RWE-Spezifikum“. Bei anderen Unternehmen würden ähnlich lange Nutzungszeiten gelten: „Vorkriegsmasten sind in ganz Europa in großer Zahl anzutreffen.“

Wie die Zeitung weiter berichtet, wurde der unter einem erhöhten Bruchrisiko stehende Thomas-Stahl von den Stromkonzernen in großem Stil auch bei der Herstellung von Strommasten für die regionalen Mittel- und Niederspannungsnetze eingesetzt. Während RWE für das Hochspannungsnetz schon 2003 ein mit 550 Mill. Euro dotiertes Sanierungsprogramm aufgelegt hat, habe das Unternehmen wie auch die anderen Stromkonzerne derzeit noch keinen Überblick darüber, wie viele Masten der Mittel- und Niederspannungsnetze wegen des erhöhten Bruchrisikos saniert oder erneuert werden müssen und wie teuer dies wird.

RWE hat offenbar schon länger von Materialproblemen bei seinen Strommasten gewusst als bislang zugegeben. Das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium bestätigte am Dienstag einen Zeitungsbericht, wonach der Konzern bereits 1994 beim Materialprüfungsamt in Dortmund Stahlproben von Masten habe begutachten lassen.

RWE ist seit dem Mega-Stromausfall im Münsterland in die Kritik geraten, bei dem etwa 50 Masten unter der Last von Eis und Schnee umstürzten. Inzwischen hat der Konzern eingeräumt, dass bundesweit rund 28 000 Strommasten sanierungsbedürftig sind. RWE betont aber, dass im Münsterland nicht nur alte Masten aus versprödetem Thomasstahl dem ungewöhnlichen Wetter zum Opfer gefallen seien, sondern auch modernere Masten. Die Mängel an den alten Tragekonstruktionen seien seit dem Jahr 2000 bekannt, das entsprechende Sanierungsprogramm sei 2001 beschlossen worden.

Laut „Berliner Zeitung“ soll RWE aber schon Mitte der 90er Jahre über die erhöhte Bruchgefahr der Masten informiert worden sein. Der Konzern habe die Proben beim Materialprüfungsamt eingereicht, nachdem 19 Masten auf der Hochspannungsstrecke Vöhringen-Füssen zusammengebrochen waren. Das Dortmunder Amt analysierte demnach, dass der Stahl verminderte Bruchkräfte aufwies. Das Ergebnis habe andere der RWE vorliegende Berichte bestätigt, wonach die Bruchfestigkeit von zwischen 1958 und 1963 errichteten Masten wegen des zu hohen Stickstoffanteils im Stahl um bis zu 40 Prozent unter den Sollwerten liege.

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