Zsolt Hernadi
„Die europäische Energiepolitik verstehe ich nicht“

Zsolt Hernadi verlangt von Brüssel mehr Geld für den Bau von Gaspipelines, vor allem aber mehr Verständnis für Osteuropa. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der Chef des Energieunternehmens Mol über die Probleme, die durch eine zu starke Abhängigkeit vom russischen Erdgas entstehen.
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Weihnachten werden die Gasheizungen in Europa auf jeden Fall warm bleiben: Die Ukraine hat ihre letzte Gasrechnung an Russland bezahlt. Im Januar könnte jedoch das große Frieren beginnen – wenn Moskau wieder alle Gaslieferungen stoppt. Wegen ihrer Finanznot hat die Ukraine die USA um einen Milliardenkredit gebeten, um Schulden aus dem russischen Gasimport abzulösen. Stefan Menzel fragte Zsolt Hernadi, den Vorstandschef des ungarischen Energiekonzerns Mol, welche Probleme in Osteuropa durch die starke Abhängigkeit von russischem Erdgas entstehen.

Handelsblatt: Russland ist extrem wichtig für die Energieversorgung. Wie beurteilen Sie das, was die Regierung in Moskau derzeit macht?

Zsolt Hernadi: Russland erledigt seine Hausaufgaben, um die Absatzkanäle nach Europa zu sichern. Wenn wir in derselben Position wie die Russen wären, würden wir wahrscheinlich dasselbe tun. Die Russen wollen auf jeden Fall die Transportwege kontrollieren und – wenn es geht – auch Einfluss auf die großen Abnehmer ausüben.

HB: Geht die EU richtig mit den Russen um?

Hernadi: Die Versorgungsrisiken in Ost- und Westeuropa sind vollkommen unterschiedlich verteilt. Länder wie die Slowakei und Ungarn sind zu 70 oder 80 Prozent von den Energielieferungen aus Russland abhängig. Im Westen ist dieser Anteil deutlich geringer. Das führt leider dazu, dass im alten Europa offensichtlich das Verständnis für die Situation der Russen fehlt.

HB: Sie verstehen die Russen also?

Hernadi: Natürlich. Wie sie denken und vorgehen, ist für uns in Ungarn völlig klar. Im Unterschied dazu verstehe ich die Energiepolitik der EU manchmal überhaupt nicht – gerade in Bezug auf Zentraleuropa. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wichtige Energiefragen in Brüssel ziemlich ausgeblendet werden.

HB: Was hat das für Konsequenzen?

Hernadi: Die osteuropäischen Länder müssen sich an allen Pipelineprojekten beteiligen, die im Moment geplant sind. Osteuropa braucht einfach zusätzliche Transportwege, um seine Versorgung zu sichern. Die Abhängigkeit von Gazprom, von einem Lieferanten und von wenigen Pipelines ist einfach zu groß. Das ist ein Problem, das gelöst werden muss. Wo sind denn bei der Gaskrise im letzten Winter die Heizungen ausgefallen? Im Osten, nicht im Westen. Zudem haben wir keine besonders große Verhandlungsmacht. Deutschland ist da in einer ganz anderen Situation: Russland verkauft so viel Gas nach Deutschland, dass die Russen aus ökonomischen Gründen auf diesen wichtigen Kunden nicht verzichten können. Die Liefermengen in die einzelnen osteuropäischen Staaten sind viel kleiner.

HB: Was wollen Sie erreichen?

Hernadi: Wir brauchen eine grundsätzliche Übereinkunft mit Russland. Die Russen sind keine Feinde, sondern unsere Partner. Die EU muss das auch begreifen und eine klare Energiepolitik für Zentraleuropa betreiben. Wenn das nicht passiert, wird jedes einzelne Land in Osteuropa seine eigenen Verträge mit Russland aushandeln.

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  • Etwas mehr Wettbewerb würde den Russen bestimmt gut tun. Zudem sollten auch die mal anfangen sich Alternativen zu den fossilen brennstoffen zu überlegen, denn je eher man danach sucht desto reibungsloser kann eine Umstellung erfolgen. Auch wenn es nicht direkt unsere Generation betreffen muss, eine langfristige Denkweise gerade in der Energiefrage kann unmöglich falsch sein.

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