Zufluss an Risikokapital schrumpft drastisch
Biotechbranche: Kapitalmangel stellt Konzepte auf den Prüfstand

Ein zwiespältiges Bild vermitteln die jüngsten Statistiken zur deutschen Biotech-Industrie. Die Branche konnte danach ihren Umsatz und die Zahl der Mitarbeiter 2008 leicht steigern. Sie kämpft gleichzeitig aber mit wachsenden Schwierigkeiten, ihre Forschung zu finanzieren. Der Zufluss an neuem Kapital schrumpfte um fast die Hälfte, was vor allem die im Bereich der Pharmaforschung aktiven Firmen empfindlich bremsen könnte.

FRANKFURT. Die Biotech-Experten Siegfried Bialojan und Julia Schüler von Ernst & Young sehen die Branche daher an einem Scheidepunkt: Entweder sie sei in der Lage, mehr Kapital zu erhalten, um sich als eigenständiger „Key Innovator“ zu etablieren. „Oder sie muss sich bis auf wenige Ausnahmen damit zufrieden geben, weiterhin nur Ideengeber und Zulieferer mit begrenzter eigener Wertschöpfung zu bleiben“, sagt Schüler.

Als Biotechunternehmen betrachtet E&Y Firmen, deren Hauptgeschäftszweck die Kommerzialisierung moderner molekularbiologischer Verfahren ist. Es handelt sich ganz überwiegend um junge und sehr kleine Unternehmen. Weit mehr als die Hälfte von ihnen erzielt weniger als eine Million Euro Jahresumsatz.

In der Summe verbuchten die rund 400 deutschen Biotechfirmen nach Daten von E&Y im vergangenen Jahrmit 10 500 Mitarbeitern knapp 1,1 Mrd. Euro Umsatz und 588 Mio Euro Netto-Verlust. Die Forschungsausgaben dieser Firmen addieren sich auf knapp eine Mrd. Euro. Eine etwas breiter gefasste Erhebung des Bundesforschungsministeriums ordnet der Branche rund 500 Unternehmen mit zusammen etwa 2,2 Mrd. Euro Umsatz zu. Auch diese Statistik deutet auf ein leichtes Wachstum der Erlöse, in etwa stabile F+E-Ausgaben und wachsende Finanzierungsprobleme hin.

Betroffen davon sind vor allem jene Firmen, die sich in der Medikamentenentwicklung engagieren und damit besonders lange Vorlaufzeiten und hohe Risiken in Kauf nehmen. In diesem Bereich müssen die Firmen mit Entwicklungszeiten von mehr als zehn Jahren und Kosten in zwei oder dreistelliger Millionenhöhe pro Wirkstoff kalkulieren. Zudem haben sich die Erfolgsquoten in der Entwicklung in den letzten Jahren verringert, was sich zum Beispiel auch in den jüngsten F+E-Daten der deutschen Biotechs andeutet. Sie verbuchten 2008 zwar mehrere Zulassungserfolge und bearbeiten inzwischen eine Rekordzahl von fast 140 Wirkstoffen in klinischen Tests. Die Zahl der Projekte in der Endphase der Entwicklung (Phase III) oder im Zulassungsverfahren war jedoch rückläufig.

Die E&Y-Experten interpretieren das als Indiz für mangelnde Wirksamkeit der Produkte oder fehlende Finanzmittel, um die kostspieligen Phase III-Studien voranzutreiben. „Um die Biotech-Branche in Deutschland einen echten Schritt voranzubringen, wäre eine jährliche Kapitalzufuhr von deutlich mehr als einer halben Mrd. Euro nötig“, erklärt Schüler. Das wäre doppelt so viel wie die Branche im vergangenen Jahr einwerben konnte.

Das Versiegen der Risikokapitalzufuhr lasten Branchenkenner teilweise einer ungünstigen deutschen Steuergesetzgebung an. Insbesondere die Begrenzung der Verlustvorträge im Rahmen der jüngsten Steuerreform habe sich als „Brandbeschleuniger der Krise“ erwiesen, sagt Viola Bronsema, die Geschäftsführerin des Branchenverbandes BIO Deutschland. Man begrüße es daher nachdrücklich, dass die Regierung hier eine Korrektur zugesagt habe.

Teilweise sind die Probleme aber auch eine indirekte und globale Folge der Finanzkrise. Denn diese zwingt viele institutionelle Investoren dazu, ihre Engagements bei Risikokapital-Fonds zu reduzieren. Die klassischen Geschäftsmodelle der Biotechbranche, die auf eine starke Finanzierung durch VC-Fonds setzen, sind daher nach Ansicht der E&Y-Experten generell kaum zu halten. Das dürfte auch in den USA viele kleinere Firmen treffen. Insgesamt steht die Branche dort aber auf einem viel soliderem Fundament, da sie umfangreiche Finanzmittel im eigenen operativen Geschäft sowie über Allianzen mit großen Pharmakonzernen generiert. Trotz sinkender Kapitalzufuhr konnte sie ihre Forschungsausgaben 2008 um 16 Prozent erhöhen.

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