Zukunftsaussichten
Chipindustrie rechnet mit sanfter Landung

Der Boom in der Chipbranche ist vorbei, doch die Hersteller erwarten auch im kommenden Jahr Wachstum. Allerdings ist die Angst unter den Herstellern weit verbreitet, dass nach der Auftragsflut der letzten Monate bald wieder Ernüchterung folgen könnte.
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MÜNCHEN. Der Höhenflug der vergangenen Monate ist zwar vorüber. Doch der von vielen befürchtete Absturz der Halbleiterbranche ist nicht in Sicht. „Ich gehe davon aus, dass die Industrie nächstes Jahr um fünf bis zehn Prozent wachsen wird“, sagte Carlo Bozotti, Chef des europäischen Marktführers ST Microelectronics, am Dienstag auf der Messe „Electronica“ in München. Nach dem stürmischen Geschäft in diesem Jahr mit einem weltweiten Umsatzplus von rund 30 Prozent werde sich die Lage 2011 normalisieren.

Seit Monaten kommen die meisten Chipunternehmen kaum nach mit der Produktion. Obwohl sie ihre Kapazitäten bereits ausgebaut haben, ist die Ware weiter knapp. Auf der „Electronica“, der weltweit wichtigsten Messe der Hersteller elektronischer Bauelemente, beschwerten sich die Kunden lautstark über die langen Lieferzeiten.

Allerdings schwankt das Geschäft in der Branche traditionell sehr stark. Im Zuge der Finanzkrise hatten sich die Erlöse vieler Hersteller halbiert, zum Teil sind die Unternehmen tief in die roten Zahlen gerutscht. Der Münchener Speicherchip-Produzent Qimonda ging sogar pleite. Deshalb ist die Angst weit verbreitet, auf die Auftragsflut der letzten Monate könne bald wieder die Ernüchterung folgen.

Zurückhaltende Prognosen für das Jahresende von großen Produzenten wie Texas Instruments (TI) hatten in den vergangenen Wochen für Aufsehen gesorgt. Nun geben die Konzerne aber Entwarnung. „Wir sind die letzten Monate so stark gewachsen, das war auf die Dauer nicht durchzuhalten“, meinte Rick Clemmer, Chef des niederländischen Chipkonzerns NXP.

Ein Durchhänger im vierten Quartal sei zudem saisonal völlig normal, so Clemmer. Spätestens Ende des ersten Halbjahrs 2011 werde das Geschäft jedoch wieder anziehen, ist auch Jean-François Fau, der Europa-Chef von TI, überzeugt.

Stärker zulegen als Weltwirtschaft

Die Marktforscher von i-Suppli gehen davon aus, dass der Umsatz der Branche dieses Jahr um knapp ein Drittel auf gut 300 Mrd. Dollar klettern wird. Im Zuge der Wirtschaftsflaute waren die Erlöse 2008 und 2009 um ein Fünftel eingebrochen. Ein solcher Rückschlag sei in den nächsten Jahren nicht zu erwarten, im Gegenteil: Bis 2014 sagen die Experten durchgehend Wachstum voraus. Davon geht auch Infineon-Chef Peter Bauer aus: „Der Aufschwung wird einige Jahre dauern“, ist der Manager des Münchener Chipanbieters überzeugt.

Halbleiter werden inzwischen in unzählige elektrische Geräte eingebaut, vom Auto über das Handy bis zur Kaffeemaschine. Deshalb ist die Branche stets auch ein Gradmesser für den Zustand der Wirtschaft allgemein. Die Hersteller hoffen allerdings, dass sie in den kommenden Jahren wesentlich stärker zulegen können als die Weltwirtschaft.

Der Grund: Der Bedarf steigt rund um den Globus. In die Hybrid- und Elektrofahrzeuge werden deutlich mehr Chips eingebaut als in herkömmliche Autos. Mit dem neuen elektronischen Personalausweis ziehen die Halbleiter nun sogar ins Portemonnaie ein. Und die modernen Stromnetze, die sogenannten Smart Grids, benötigen Milliarden Chips, um die vielen Daten zu sammeln und zu übermitteln.

Dazu kommt eine gigantische Nachfrage aus den aufstrebenden Schwellenländern. „Zwei Drittel vom Umsatz erzielen wir inzwischen in Asien“, sagt NXP-Chef Rick Clemmer. Die ehemalige Halbleiter-Sparte von Philips hat angesichts der Auftragsflut dieses Jahr dreimal so viel Geld in neue Maschinen gesteckt wie 2009 – und auch in den nächsten Monaten wird kräftig investiert. Überkapazitäten seien dennoch nicht zu erwarten, meint Clemmer. „Wir brauchen das Equipment, sonst können wir in Zukunft nicht liefern.“

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München

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