Zulieferer in der Autobranche
Ein bisschen Emanzipation

Die Autobranche ist zwar noch immer ein Industrie-Schwergewicht, doch zuletzt wurde sie oft von Krisen geschüttelt – was auch die Zulieferer trifft. Selbst kleine Firmen wie Peiker machen sich deshalb auf zu neuen Ufern.
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FrankfurtDie erfolgreichste deutsche Dressurreiterin war voll des Lobes. „Ein solches Gerät hat gefehlt“, lautete die erste Reaktion von Isabell Werth. Sie hatte gerade zum ersten Mal das Kommunikationsgerät Ceecoach am Ohr und konnte sich mit ihren Reitschülern perfekt unterhalten. Bisher waren da Störgeräusche und Rückkopplungen, Stimmengewirr und Durcheinander. Jetzt kann der Trainer auch mal den Rest der Gruppe stumm schalten, wenn er mit einem Schüler etwas in Ruhe besprechen will.

Für den Hersteller Peiker aus dem hessischen Friedrichsdorf hat der Ceecoach indes eine ganz andere Funktion. Weg vom reinen Autozulieferer, hin zu weitaus weniger schwankenden Branchen. „Wir wollten uns jenseits der Zyklen der Automobilindustrie bewusst breiter aufstellen“, bringt es Nicole Schwäbe, Prokuristin bei Peiker, auf den Punkt. Dem Unternehmen mit seinen gut 1000 Mitarbeitern geht es dabei wie so vielen aus der Branche. Natürlich hängen Wohl und Wehe von der Qualität der eigenen Produkte ab. Aber eben auch sehr stark von den großen Herstellern. Lahmt deren Geschäft, dann schlägt das automatisch auf die Zulieferer durch. Seit Jahrzehnten ist das so. Warum also nicht versuchen, mit den eigenen Produkten Branchenfremde zu bedienen?

„Die Zulieferer müssen in diesem sich rasant veränderndem Umfeld eine wohlüberlegte Strategie entwickeln, sodass es ihnen gelingt, aus ihrem Portfolio den größtmöglichen Ertrag heraus zu holen“, rät Andreas Cornet, Spezialist für die Automobilindustrie bei der Beratungsgesellschaft McKinsey. Ein Trend, dem sich nach den Großen der Zuliefererbranche nun auch immer mehr kleine und mittlere anschließen. Der Grund ist klar: Haben doch viele Zulieferer erst während der letzten Krise wieder die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass es durchaus ein Klumpenrisiko darstellt, wenn 80 Prozent des Umsatzes mit einer überschaubaren Zahl großer Hersteller erzielt wird.

Peiker stattet seit Jahren bereits die Motorrad-Helme von BMW aus, Fahrer und Sozia unterhalten sich so via Bluetooth. Zweieinhalb Jahre tüftelten sie im Taunus an der Idee, auch andere Helme für andere Bereiche mit dem bewährten System auszustatten. Beispielsweise für den Reitsport oder für Skilehrer. Seit Weihnachten ist der Ceecoach am Markt, 10.000 Systeme sollen in diesem Jahr verkauft werden. Bei einem Einführungspreis von 249 Euro pro Zweier-Set ist das ein überschaubarer Umsatzbeitrag von gut 2,5 Millionen Euro. Immerhin hat Peiker im vergangenen Jahr knapp 240 Millionen Euro umgesetzt. Der Aufbruch in eine neue Kundenwelt würde damit erst mal nur rund ein Prozent zum Umsatz beitragen. Aber es geht hier im ersten Schritt um die Symbolik, nicht um die Summe. Schließlich waren die Produkte der Konkurrenz bislang deutlich teurer und haben auch keinen Design-Preis gewonnen.

Deutlich größere Zulieferer sind hier längst einen Schritt weiter. 17 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaften die Top-100 der Branche außerhalb des Autosegments, das hat McKinsey-Experte Cornet errechnet. Und doch treten sie damit auf der Stelle. Seit zehn Jahren ist der Anteil unverändert. „Ein signifikanter Wert begänne eigentlich bei einem Drittel“, rechnet der Experte vor. Ab einem Anteil von zwei Dritteln außerhalb der Autobranche würde man wahrscheinlich nicht mehr von einem Zulieferer reden. Das wiederum wollen die Zulieferer selbst trotz aller Anfälligkeit der Branche für Schwankungen auch wieder nicht. Schließlich leben die Zulieferer seit Jahrzehnten gut in ihrer Rolle als Technologietreiber und unverzichtbarer Bestandteil einer der mächtigsten Branchen überhaupt. Die gibt man nicht einfach so auf. Bestenfalls ein bisschen Emanzipation soll es sein. Stets verbunden mit den Hintergedanken, das vorhandene Produkt für andere Einsatzzwecke weiter zu entwickeln.

Oder wie es Peiker-Managerin Schwäbe ausdrückt: „Wir haben das Know-how, warum sollten wir uns also nicht so positionieren, dass noch andere Märkte für uns interessant werden?“ Schon gehen die Gedanken über den Freizeitbereich bei Reitern und Skifahrern hinaus, auch in den gewerblichen Sektor. Auf Baustellen, aber auch bei Kranführern oder Fensterputzern wäre eine problemlose Kommunikation ein Segen. Bei Peiker sind sie nach den ersten Erfolgen zumindest schon mal mutiger geworden. Stand auf den ersten Verpackungen des Ceecoach noch der Markennamen Fourcee mit dem kleinen Zusatz „Powered by Peiker“, so wird der eigene Firmenname künftig in den Mittelpunkt gestellt.

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