Zuspitzung im Arbeitskampf
VW will Brasilianer kollektiv in Urlaub schicken

VW do Brasil liegt mit den Gewerkschaften im Clinch: Der Autobauer will tausende Stellen streichen. Die Beschäftigten protestieren dagegen, unter anderem mit einem Streik in einem Werk. Dadurch werden andernorts Teile knapp. VW hat deshalb für drei Fabriken so genannten Kollektivurlaub bei den Behörden beantragt. 11 000 Mitarbeiter sind betroffen.

HB BRASILIEN. Es handele sich lediglich um eine Präventivmaßnahme, falls die Gespräche mit den Gewerkschaften nicht in den nächsten Tagen zum Erfolg führen sollten, teilten VW-Sprecher mehreren Medien zufolge am späten Donnerstagabend (Ortszeit) in Sao Paulo mit.

Ein Streik legt die älteste und größte Fabrik von VW in Brasilien seit Dienstag lahm. Die meisten der rund 12 400 Beschäftigten des Werks Anchieta protestieren so gegen 1 800 Kündigungsschreiben. Im Rahmen einer im Mai angekündigten Umstrukturierung will VW bis 2008 rund 6 000 der insgesamt 22 000 Stellen in den fünf brasilianischen Werken streichen.

Der Kollektivurlaub vom 18. bis 27. September in den Fabriken Taubate, Sao Carlos und Sao Jose soll dann in Kraft treten, wenn der Streik nicht bald beendet wird. Die Werke beziehen Teile aus Anchieta. Vom Unternehmen angeordneter Kollektivurlaub ist in Brasilien möglich, wenn er mindestens 15 Tage vorher bei den Behörden gemeldet wird.

Brasiliens Staatschef Luiz Lula da Silva machte VW für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme im Unternehmen verantwortlich. „VW hat ein Projekt zu viel gewagt, das nicht zum Erfolg geführt hat“, sagte er in einem Fernsehinterview. Außerdem habe das Unternehmen voreilig gehandelt, als es die 1 800 Entlassungen bekannt gegeben habe, „ohne vorher ordentlich mit Regierung und den Gewerkschaften gesprochen zu haben“. Er habe als Gewerkschaftsführer schon vor Jahren vor den Toren der VW-Fabrik in Sao Bernardo geweint, als dort 8 000 Mitarbeiter entlassen worden seien, sagte Lula.

Eigene Fehler und viel Pech

VW do Brasil leidet vor allem unter der Aufwertung der brasilianischen Währung Real, die den Export verteuert, und den gestiegenen Rohstoffkosten. Hinzu kommen eigene Fehler: Volkswagen entwickelte Modelle am Markt vorbei und gab eine Kündigungsschutz-Garantie, was es verunmöglichte, auf die gesunkene Nachfrage der Kunden zu reagieren Das stürzte das Unternehmen tief in die roten Zahlen. VW do Brasil geht davon aus, frühestens im kommenden Jahr wieder Gewinne zu schreiben.

Erst am Montag hatte die Regierung den Druck auf VW durch die vorläufige Einstellung der Vergabe staatlicher Kredite erhöht. Die Freigabe eines zugesagten Kredits in Höhe von 497 Mill. Real (185 Mill. Euro) wurde vom Ausgang des Konflikts abhängig gemacht. VW seinerseits hatte den Konflikt angeheizt, indem das Management gedroht hatte, die nun bestreikte Fabrik Anchieta ganz zu schließen, sollten sich die Gewerkschaften nicht auf die Stellenstreichungen einlassen.

VW ist seit Jahren der größte Fahrzeug-Exporteur Brasiliens. Nach jüngsten Zahlen hat der Konzern einen Anteil von 22,3 Prozent am brasilianischen Fahrzeugmarkt. Brasilien ist mit über 380 000 Auslieferungen der drittgrößte Markt für den Volkswagen-Konzern nach Deutschland und China. Volkswagen do Brasil produzierte im vergangenen Jahr rund 646 000 Fahrzeuge.

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