Zuwanderer aus Indien
Deutschland dient als Sprungbrett

45 000 Inder leben in Deutschland. Es ist zwar eine Minderheit, doch die Inder in Deutschland sind eine junge starke Truppe mit hoher Mobilität und im Verhältnis zu anderen Migrantengruppen hohem Bildungsstand. So sind nur rund 2 000 von ihnen in Deutschland geboren. Die meisten sind zugewandert.

KÖLN. „Die Deutschen haben die Uhr, wir Inder haben die Zeit,“ sagt Debjit D. Chaudhuri. Eine Einschätzung, die der Deutschland-Chef des IT-Konzerns Infosys auch seinen indischen Mitarbeitern mitteilt, wenn es mit den deutschen Kollegen in Eschborn zu Reibereien kommt. Der Astrophysiker mit der dunklen Hornbrille hat auch ganz praktische Tipps parat. „Wenn Deutsche einen Termin vereinbaren, dann gilt der unbedingt“, erklärt er seinen Landsleuten. Inder hingegen sähen das etwas entspannter. Dafür arbeiteten sie eher einmal in die Nacht hinein – eine Horrorvision für die meist auf pünktlichen Feierabend fixierten Deutschen.

Auch Sushrut Kumar Lugani ist zugewandert. Der Ex-Diplomat begann 1967 mit dem Import indischer Mode und steht heute mit seiner Lugani-Gruppe für eine der erfolgreichsten Karrieren von Migranten in Deutschland. Seine vier Kinder haben alle in Deutschland studiert. „Probleme mit Deutschen?“ fragt Lugani, „hatten wir nie!“

Das Abenteuer Deutschland begann für den Deutschland-Chef von Infosys vor sechs Jahren. Indiens zweitgrößter IT-Dienstleister Infosys startete in Deutschland, um im „Kernmarkt Westeuropas“ mitzuspielen. Die Qualität der Ingenieure gab den Ausschlag für die Standortwahl. Die Technische Hochschule in Aachen ist in ganz Asien als Ingenieurschmiede ein Begriff. „In der Technologie erwarteten wir keine Schwierigkeiten“, erinnert sich Debu, „Sorgen bereiteten uns kulturelle Differenzen und die Kommunikation“.

Infosys gehörte Ende 1999 zu den Pionieren. Den High-Tech-Standort Deutschland haben inzwischen auch andere indische Konzerne entdeckt, die nicht allein auf ihre Funktion als verlängerte Werkbank für Großkonzerne wie Siemens, SAP und Bosch reduziert werden wollen. Statt Entwicklungszentren in Osteuropa aufzubauen, kaufen sie in Westeuropa und mit Vorliebe in Deutschland Anbieter mit gutem Image und etablierten Kundennetz.

Auch die Nähe zum Absatzmarkt lockt. „Deutschland ist für uns der Schlüsselmarkt in Europa und in diesem Markt müssen wir stark vor Ort sein“, beschreibt C.N. Madhusudan die Marktstrategie von NIIT, der Nummer zehn unter Indiens IT-Dienstleistern. Bei ihrem Engagement in Deutschland stehen Infosys und NIIT vor denselben Schwierigkeiten. Sie müssen die Barrieren wie Sprache und Geschäftskultur schleifen. Dabei gehen sie strategisch getrennte Wege. Infosys gründete in Deutschland ein eigenes Tochterunternehmen, das ein Inder führt. Am Firmensitz in Eschborn arbeiten mehr Inder als Deutsche. Demgegenüber kaufte Konkurrent NIIT 2003 die mittelständische Softwarefirma AD Solutions im rheinischen Monheim und arbeitet in Deutschland nur mit Deutschen. Doch auch die 6 000 Kilometer Distanz zwischen Bombay, dem Stammsitz, und Monheim, verhindert bei NIIT den Mulitkulti-Stress nicht. Indische Senior-Manager pflegen einen anderen Führungsstil, berichtet Rolf Stephan, Vorstand NIIT Technologies AG. Sie würden hierarchischer denken und ein starkes Kontrollbedürfnis haben. Im Team suchten Inder, wie alle Asiaten, Kritik an Maßnahmen des Vorgesetzten zu vermeiden.

Mohan Murti lebt schon seit 1995 in Deutschland. Als Chef-Repräsentant Europa von Reliance, dem größten indischen Konglomerat in Privatbesitz, hat er gelernt, mit multikulturellen Herausforderungen zu leben und sie zu managen. Muss er auch. Denn mit dem Kauf von Trevira, der einstigen Kunstfasersparte der früheren Hoechst AG, ist Reliance derzeit der größte indische Investor in Deutschland. „Wir haben in einer kritischen Zeit Kapital in Deutschland investiert als die Kassandras das Gespenst der schleichenden Deindustrialisierung beschwörten“, sagt er. Reliance wurde mit der Übernahme auf einen Schlag Weltmarktführer für Polyester. Denkt Murti an Deutschland, dann paraphrasiert Darwin: „Nicht der Stärkste wird überleben, sondern derjenige, der sich am besten Wandel anpassen kann“.

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