175-jähriges Jubiläum
Bertelsmann feiert die Mohn-Familie

Nachdem im vergangenen Jahr sämtliche Festivitäten aus Gründen der Sparsamkeit abgesagt wurden, ist Bertelsmann im Jubiläumsjahr wieder in Feierlaune. Mit 600 Gästen, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, feierte der Gütersloher Medienriese in Berlin sein 175jähriges Bestehen.
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BERLIN. Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn beschwor in ihrer Rede gestern Abend die Werte ihres im vergangenen Jahr verstorbenen Ehemanns Reinhard Mohn. „Gemeinsam werden wir weiterhin dafür sorgen, dass die Werte, für die mein Mann Reinhard Mohn und für die ich heute als Sprecherin meiner Familie stehe, lebendig gehalten und weitergetragen werden“, sagte die 69-Jährige, die einst als Telefonistin im Bertelsmann Buchklub begonnen hatte. Als Werte nannte sie Unternehmergeist, Kreativität, gesellschaftliche Partnerschaft und gesellschaftliche Verantwortung. „Bertelsmann und seine Mitarbeiter sind unser Leben.“

Auch Vorstandschef Hartmut Ostrowski sang bei dem Festakt am Berliner Gendarmenmarkt das hohe Lied auf Reinhard Mohn und die Familie. „Wir haben Familie Mohn. Eine Eigentümerfamilie, auf die wir uns verlassen können“, sagte der Konzernchef. Als einer der Erfolgsfaktoren des Gütersloher Medienkonzerns sah er, die Möglichkeit langfristig wirtschaften zu können. „Dieser Erfolgsfaktor ist in Zeiten, in denen es zu oft nur um den kurzfristigen Quartalsgewinn geht, ein hohes Gut“, sagte Ostrowski. Bertelsmann habe es in seiner Geschichte immer verstanden, Geschäfte langfristig und meistens aus eigener Kraft aufzubauen. Außerdem sei Bertelsmann ein „Unternehmen der Unternehmer“, das wegen seiner dezentralen Verantwortung kontinuierlich gewachsen sei.

Der frühere Vorstandschef Thomas Middelhoff sieht jedoch bei Bertelsmann das freie Unternehmertum in Gefahr. Er erinnerte in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt daran, dass Reinhard Mohn einst „das Schicksal des Unternehmens über den Führungsanspruch der Familie stellte“. Middelhoff stellt mittlerweile aber einen Systemwechsel im Medienkonzern fest. „Wo früher bei Bertelsmann die Frage nach dem Unternehmenszweck stand, nach dem Ringen um die bessere Strategie, ist heute das Problem, dass jede Herausforderung aus der Unternehmenskultur und der Berufung auf Reinhard Mohn selbst beantwortet werden muss“, sagt der Manager, der von 1998 bis 2002 die Geschicke des ostwestfälischen Medienriesen leitete. In Anspielung auf den Machtzuwachs der Mohn-Familie schrieb er, Ostrowski benötige den notwendigen Freiraum für mutige Schritte.

Außerdem gab Bertelsmann zum Jubiläum bekannt, eine Journalistenakademie zu gründen, die Talente fördert und sich für Pressefreiheit einsetzt. Die Akademie mit Sitz in Hamburg wird Ende 2011 ihren Lehrbetrieb aufnehmen. Zum Beirat gehören unter anderen die Chefredakteure Giovanni di Lorenzo (Die Zeit) und Georg Mascolo (Der Spiegel).

Bertelsmann wurde 1835 vom Drucker und Buchbinder Carl Bertelsmann im ostwestfälischen Gütersloh gegründet. Aus dem kleinen protestantischen Verlag machte Reinhard Mohn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Medienkonzern, der mit seinem Medien- und Dienstleistungsgeschäft vor allem in Europa stark ist.

Der Konzern hat im Jubiläumsjahr seine schwere Krise mittlerweile überwunden. Im vergangenen Jahr schrammte Bertelsmann um Haaresbreite an rote Zahlen vorbei. Nicht zuletzt wegen der wieder anziehenden Werbekonjunktur und eines eisernen Sparkurses legte der Konzern ein überraschend positives Halbjahresergebnis vor. Erstmals überstieg die Umsatzrendite die Zehn-Prozent-Marke. Der operative Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) erreichte mit 755 Mio. Euro (Vorjahr 497 Mio.) einen Rekord. Der Nettogewinn legte um über eine halbe Mrd. auf 246 Mio. Euro zu. Der Umsatz stieg um 3,9 Prozent auf 7,36 Mrd. Euro. Kritiker wie Middelhoff stellen allerdings kritische Fragen zur starken Abhängigkeit Bertelsmann von der Fernsehtochter RTL. Europas größter TV-Konzern erzielt mehr als zwei Drittel des Ebit des Gesamtkonzerns.

Zuletzt war Bertelsmann wegen seiner Stiftung in die Kritik geraten. Die Stiftung, die 77,4 Prozent an der Bertelsmann AG hält, sei keine gemeinnützige Einrichtung mehr, behauptet der Autor Thomas Schuler in seinem jüngsten Buch „Bertelsmann Republik Deutschland“.. Sie diene mit ihrem Netz in Politik und Wirtschaft vor allem den Konzerninteressen. „In unserer heutigen Zeit ist es doch eine Illusion, dass eine Stiftung oder ein Unternehmen ein Land wie die Bundesrepublik nach ihren Vorstellungen formen oder prägen kann", entgegnete Gunter Thielen, Stiftungschef und engster Vertrauter von Liz Mohn. Die Bertelsmann Stiftung wurde 1977 von Reinhard Mohn gegründet. Seine Witwe Liz und deren Tochter Brigitte gehören seit vielen Jahren dem Vorstand an.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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