Ableger in Irland
Die Steuertricks von SAP

Die irische Tochter des Walldorfer Softwarekonzerns SAP ist wirklich ein Gewinnwunder. Obwohl dort nur ein Prozent des Umsatzes erzielt werden, hat sie am Gewinn der Firma einen Anteil von 20 Prozent. Das hat Gründe.
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LondonSommer 2012: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble macht Urlaub auf der Nordseeinsel Sylt. Da kündigt sich unerwarteter Besuch an. Sein damaliger US-Kollege Timothy Geithner kommt vorbei, um über die Euro-Krise zu reden. Schäuble nutzt die Gelegenheit und spricht gleich noch ein anderes schwieriges Thema an: die legalen Steuertricks amerikanischer Unternehmen in Europa. Viele Technologiekonzerne parken wertvolles geistiges Eigentum, wie etwa Software-Know-how, in Niedrigsteuerländern und lassen Firmentöchter hohe Lizenzen für dessen Nutzung bezahlen. Das reduziert die Gewinne in Hochsteuerländern zu Gunsten der Erträge in Steuerparadiesen.

Solche Verschiebungen beträfen vor allem US-Konzerne, erklärt Schäuble seinem amerikanischen Kollegen. Die Steuergesetze in Deutschland machten dies deutlich schwieriger. „Das könnte erklären, warum wir keine deutschen Unternehmen mit vergleichbaren Steuer-Arrangements kennen“, heißt es in einem Brief, den der Finanzminister nach dem Treffen an Geithner schrieb und in dem er die Inhalte des Gesprächs wiedergab.

Doch da war Schäuble offenkundig etwas voreilig. Denn ein Jahr später zeigen Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters, dass sich Unternehmen auch in Deutschland legal ärmer rechnen und Gewinne in Staaten mit niedrigen Steuersätzen wie Irland verschieben können. Das zeigt das Beispiel SAP: Ohne die in der Politik umstrittenen Möglichkeiten zur Steuervermeidung müsste die Walldorfer Software-Schmiede über 100 Millionen Euro pro Jahr mehr an Abgaben zahlen, wie eine Auswertung der SAP-Bücher zeigt. Davon betroffen ist demnach auch der US-Fiskus.

SAP bezeichnete die errechnete Summe als rein hypothetisch. „Das Unternehmen hat zu keinem Zeitpunkt IP-Rechte aus Deutschland in Länder mit niedrigen Steuersätzen verlagert“, erklärte ein Sprecher. Der Eindruck, SAP vermeide Steuern, sei abwegig. Im vergangenen Geschäftsjahr habe das Unternehmen in Deutschland 500 Millionen Euro Steuern gezahlt.

Das mit einer Marktkapitalisierung von knapp 70 Milliarden Euro viertgrößte deutsche Unternehmen verkauft weltweit Software an Firmen. Ein Blick in die Bilanz der Software-Schmiede zeigt, dass sie ähnlich wie Google oder Microsoft Gewinne an Konzerntöchter in Irland verschiebt, das mit 12,5 Prozent einen der niedrigsten Unternehmenssteuersätze in der Europäischen Union verlangt.

In Deutschland sind nach Daten der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) im Schnitt 30 Prozent fällig und im größten SAP-Markt, den USA, gar 39 Prozent. Das sind allerdings Durchschnittswerte: Im Einzelfall kann die Steuerbelastung für jeden Konzern in den einzelnen Ländern stark variieren.

In den vergangenen drei Jahren haben die Walldorfer im Schnitt jährlich 26 Prozent Unternehmenssteuer gezahlt – zwanzig Prozentpunkte weniger als noch vor einem Jahrzehnt. Der Rückgang liegt zum Teil an der Steuerreform in Deutschland, die zu einer geringeren Belastung geführt hat. Doch andere Gründe kommen dazu: So fährt SAP in Irland 20 Prozent des Konzerngewinns ein, erwirtschaftet dort aber nur ein Prozent des Umsatzes mit ebenso wenigen Mitarbeitern. Die Töchter in Dublin beheimaten Software-Know-how von SAP-Mitarbeitern weltweit, das dann innerhalb des Konzerns lizensiert wird. Zum Steuersparmodell gehört es auch, dass eine Finanztochter in Irland anderen SAP-Gesellschaften Milliarden von Dollar verleiht – zu deutlich höheren Zinsen als am Markt üblich.

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  • SAP hat eine Steuerquote von 26,14%, während es ihr größter Konkurrent Oracle auf 21,4% bringt, obwohl die Unternehmensssteuern in den USA höher als hierzulande sind.
    Angesichts der Konkurrenzsituation wäre es fatal, primär auf jene zu zeigen, die immerhin keine IP-Rechte aus dem eigenen F+E-Stammsitz in Länder mit niedrigen Steuersätzen verlagern. Der Transfer von IP-Rechten (geistigem Eigentum) ist der wesentliche Trick beim derzeit viel monierten "Double Irish With a Dutch Sandwich".

  • Unser Noch-Finanzminister hat offenbar das Heute-Journal vom ZDF nicht gesehen. Der Reporter besuchte ein seltsames Haus in Delaware (USA), in dem tausende Firmen eine Geschäftsadresse haben.

    Das ZDF zeigte auf, dass darunter auch feinste deutsche DAX-Konzerne vertreten waren. Nur dass man niemanden dort antraf.

    Offenbar optimieren alle Konzerne ihre Steuern. Was nicht verboten ist, das ist legal und damit völlig in Ordnung.

    Im Steuerrecht gibt es schließlich keine Moral.

    Entweder ist eine Sache erlaubt oder sie ist illegal.

    Die Konzerne sind mobil und können von den Vorteilen in der Welt legal profitieren.

    Die "Schafherde" der Arbeitnehmer ist eben nicht mobil und kann seine Steuern nicht optimmieren. Einer muss doch alles bezahlen.

  • Warum bezeichnen Sie diese Art von Geschäftspolitik mit "Steuertricks"? Das verharmlost die gesellschaftsrechtliche und strafrechtliche Komponente dieses Handelns. Es ist faktisch Diebstahl an der Vergütung des Human Capital. Jeder Cent dieser Trickserei an Steuerersparnis wurde doch dem Human Capital genommen und an die Aktionäre bzw Kapitalisten weitergereicht. Siemens entlässt gerade mal 15.000 AN, um die daraus resultierende "Kostenersparnis" wieder an ihre Kapitalisten zu verteilen. Diese Steuertrickserei gefährdet die Basis unserer Demokratie. [...] Diese haben die Solidarität in der sozialen Marktwirtschaft schon lange aufgegeben. Menschen wie Hoeneß und Co gehören endlich vor die Richterbnnk, welche ihnen auch zusteht. Und ihr Blatt spricht von "Tricksereien". Diesen Begriff kann man bei Spielen eventuell verwenden, aber doch nicht bei Handlungen, welche die Basis unserer Demokratie angreifen.

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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