Affäre weitet sich aus
Telekom-Spitzel spähte auch für die Bahn

Die Spitzelaffäre der Deutschen Telekom weitet sich auf ein zweites Bundesunternehmen aus. Auch die Deutsche Bahn AG hat nach Informationen des Handelsblatts Aufträge an dieselbe Firma vergeben, die für die Telekom Aufsichtsräte und Journalisten ausspähte. Der Auftrag kam offenbar aus dem Umfeld von Konzernchef Hartmut Mehdorn.

DÜSSELDORF. Ein Bahn-Sprecher bestätigte dem Handelsblatt, dass es eine Geschäftsbeziehung zwischen der Bahn und der Network Deutschland GmbH gab. Deren Geschäftsführer Ralph Kühn hatte vergangene Woche zugegeben, im Telekom-Auftrag illegal beschaffte Telefondaten ausgewertet zu haben. Der Bahn-Sprecher betonte aber, es gebe bei der Bahn "keine unzulässige Überwachung von Mitarbeitern oder externen Personen".

Dass die Bahn jedoch externe Dienstleister mit Recherchen betraute, räumte er ein: "Im Rahmen unserer Korruptionsbekämpfung, die wir seit Jahren streng durchführen, haben wir in Einzelfällen im Rahmen des rechtlich Zulässigen auch externen Sachverstand in Anspruch genommen."

Die Frage, warum die Bahn für solche Nachforschungen ausgerechnet Network Deutschland engagiert hat, wollte der Sprecher nicht beantworten. Auch zur Dauer der Geschäftsbeziehung, zum Auftragsvolumen sowie zur Formulierung der Aufträge machte die Bahn keine Angaben. Network-Chef Kühn war gestern nicht erreichbar.

Zwei Informanten bestätigten dem Handelsblatt, dass die Bahn gezielt an den Network-Chef Kühn herangetreten sei. "In der Branche ist bekannt, wann man Kühn holen muss", sagte ein Sicherheitsexperte. Kühn "besorgt Daten, die man eigentlich gar nicht legal besorgen kann".

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Ein Sprecher der Telekom sagte, der Konzern wolle sich zum laufenden Verfahren nicht äußern. Die Staatsanwaltschaft in Bonn ermittelt unter anderem gegen Ex-Vorstandschef Kai Ricke-Uwe und Ex-Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel.

Über Kühn ist nur wenig bekannt. Der 52-jährige Wirtschaftsprüfer ist seit 1991 Geschäftsführer der Network Deutschland GmbH in Berlin. Als Unternehmenszweck ließ er die "Verhütung, Aufdeckung und Untersuchung von Betrug in Wirtschaftsunternehmen, die Beratung in Fragen der Kommunikationssicherheit" ins Handelsregister eintragen. Die Mitarbeiterzahl soll bei sechs liegen, der Umsatz bei fünf Mill. Euro.

Der Auftrag der Bahn an Network gewinnt dadurch an Brisanz, dass er - so ein Bahn-Insider - "von ganz oben" komme. Es gebe Grund zu der Annahme, dass er nicht von der Abteilung Konzernsicherheit erteilt wurde, sondern von der Internen Revision. Und diese sei Bahnchef Hartmut Mehdorn direkt unterstellt.

Wie bei der Telekom sickerten auch bei der Bahn immer wieder Informationen in die Öffentlichkeit. Darüber habe man sich im Aufsichtsrat "echauffiert", sagt ein Mitglied des Kontrollgremiums. Der Vorstand habe dann von sich aus erklärt, dass er die undichten Stellen aufspüren wolle.

In zwei Fällen deckte die Bahn Urheber von Indiskretionen auf - und trennte sich von ihnen. Dabei handelte es sich nach Angaben aus dem Konzern um einen Mitarbeiter aus dem Umfeld des früheren Transnet-Gewerkschaftschefs und neuen Bahn-Arbeitsdirektors Norbert Hansen. Über den Mitarbeiter waren Aufsichtsratsvorlagen vor der Sitzung an Medien gelangt. Der zweite Fall betrifft einen hochrangigen Bahn-Manager, der Strategiepapiere zur Bahnreform an einen Gegner der Teilprivatisierung weiterreichte.

Bahn-Aufsichtsratschef Werner Müller reagierte gestern mit Erstaunen auf die Spitzelvorwürfe bei der Bahn. Sein Sprecher sagte dem Handelsblatt: "Herr Müller ist in keiner Weise informiert."

Korruptionsfälle im Konzern geht die Bahn indes schon länger mit Härte an. Seit der Einrichtung der Abteilung Korruptionsbekämpfung vor acht Jahren seien 300 Fälle aufgedeckt worden, teilte der Konzern mit; seit 2007 agiert Wolfgang Schaupensteiner als oberster Korruptionsbekämpfer im Konzern. Er leitete zuvor die Abteilung für Korruptionsbekämpfung bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Bahnchef Mehdorn sagte noch vergangene Woche: "Alle sollten wissen, dass wir auf der Jagd sind und mit scharfer Munition schießen."

Krisentreffen im Innenministerium

Bundesregierung und Telekommunikationsbranche wollen den Ursachen der Telekom-Spitzelaffäre auf den Grund gehen. Zunächst soll die Telekom ihre bereits eingeleiteten Maßnahmen für eine bessere Datensicherheit erklären, sagte der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Hans-Bernhard Beus. Anfang Juli wollen Telekommunikationsverbände und staatliche Stellen wie die Bundesnetzagentur über weitere Schritte beraten, hieß es nach dem zweistündigen Spitzengespräch auf Anregung von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Telekom-Chef René Obermann hatte Schäuble zuvor 15 Minuten lang über die Bespitzelungsaffäre informiert.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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