Alternatives Angebot
Endrunde im Ringen um Dow Jones

Kurz vor der Entscheidung über den Verkauf des Wirtschaftsverlages Dow Jones an den Medienkonzern News Corp. wächst der Druck auf die Eigentümerfamilie Bancroft. Internetunternehmer Greenspan wirbt für einen Alternativplan, mit dem einige Familienmitglieder den Verkauf verhindern könnten.

NEW YORK. Der Internetunternehmer Brad Greenspan hat in einem offenen Brief an die Bancroft-Familienmitglieder appelliert, das Angebot des von Rupert Murdoch geführten Medienkonzerns abzulehnen und seinen Alternativplan zu unterstützen. Zuvor war Dieter von Holtzbrinck aus dem Verwaltungsrat (Board) von Dow Jones zurückgetreten, weil er den Verkauf an Murdoch nicht mittragen wollte. Holtzbrinck war lange Jahre Chef der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, zu der auch das Handelsblatt gehört.

Am Montag treffen sich die 35 Mitglieder der Familie Bancroft in Boston, um über das Kaufangebot von Murdoch zu beraten. Der Medienzar hatte 60 Dollar pro Aktie oder insgesamt fünf Mrd. Dollar für Dow Jones geboten. Das entspricht einer Prämie von etwa 67 Prozent auf den letzten Börsenkurs vor dem Angebot. Nach monatelangen Verhandlungen hatte der Dow-Jones-Board sich mit Murdoch auf einen Beirat zur Sicherung der publizistischen Unabhängigkeit geeinigt und das Angebot mehrheitlich angenommen.

Holtzbrinck hatte sich bei der Abstimmung enthalten und später in einem Brief seinen Rücktritt vom Board erklärt. "Obwohl ich davon überzeugt bin, dass das Angebot von News Corp finanziell sehr großzügig ist", schrieb der frühere Verleger, "bin ich sehr besorgt, dass die einzigartigen journalistischen Werte von Dow Jones nach dem vorgeschlagenen Verkauf langfristig schweren Schaden nehmen könnten".

Das letzte Wort über den Verkauf sprechen die Bancrofts, die über Mehrfachstimmrechte 64 Prozent der Stimmen bei Dow Jones kontrollieren. Die Familie ist jedoch uneins über das Angebot von News Corp. Die Gegner befürchten, dass Murdoch insbesondere das Flaggschiff von Dow Jones, das "Wall Street Journal", für seine geschäftlichen und politischen Interessen instrumentalisieren könnte. Zwei Familienmitglieder, Christopher Bancroft und seine Cousine Leslie Hill, versuchen eine Alternative zum Verkauf an News Corp. auf die Beine zu stellen.

Dazu gehört auch der Plan von Greenspan. Der Internet-Unternehmer schlägt einen Fonds vor, mit dessen Hilfe jene Bancrofts, die einen Verkauf an Murdoch ablehnen, ihre Verwandten ausbezahlen können. Danach will er die bislang kostenpflichtigen Inhalte des "Wall Street Journal" weitgehend kostenlos ins Internet stellen und die Webseite zu einer Video-Plattform machen. Zudem plant Greenspan ein eigenes Wirtschaftsfernsehen für Dow Jones. Auf diese Weise könne er den Aktienkurs innerhalb von zwei Jahren auf 100 Dollar bringen, verspricht er.

Obwohl Murdoch nach Einschätzung der meisten Beobachter die besten Karten im Poker um Dow Jones hat, kann er sich des Sieges nicht sicher sein. Der Aktienkurs des Verlages verharrt bei 55 Dollar. Sollten die Bancrofts sich am Ende gegen das Angebot von Murdoch aussprechen, sagt Harold Vogel, Gründer der Investmentfirma Vogel Capital, einen Absturz der Aktie unter 35 Dollar voraus.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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