Analyse
RTL: Geplatzt wie eine Seifenblase

Vorstandschef Gerhard Zeiler hat eine Vision. Sein Fernsehkonzern RTL Group soll nach deutschem Vorbild in allen wichtigen europäischen Ländern Senderfamilien aufbauen. Denn mit mehreren Kanälen für unterschiedliche Zielgruppen lassen sich die Werbemärkte am besten abschöpfen. Ganz oben auf der Liste steht Großbritannien. Dort besitzt die RTL Group, der wichtigste Erlösbringer des Medienkonzerns Bertelsmann, bereits den Fernsehsender Five.

HB KÖLN.Doch Zeilers Traum, auf dem britischen TV-Markt zur Großmacht aufzusteigen, ist geplatzt wie eine Seifenblase. Schuld ist der britische Kabelnetzbetreiber NTL. Vor wenigen Tagen übernahm er den Konkurrenten Telewest, dem auch die TV-Senderkette Flextech gehört. Monatelang hatte sich Zeiler in seiner Wahlheimat London um die digitalen Spartenkanäle von Flextech bemüht. NTL schnappte sie ihm weg.

Die Niederlage auf der Insel ist bitter für die RTL Group. Denn im Gegensatz zu Deutschland ist der TV-Werbemarkt im Vereinigten Königreich in einer guten Verfassung. In Großbritannien wachsen die Werbeausgaben weiter. Ein Zukauf hätte daher dem in Luxemburg notierten Fernsehkonzern den dringend benötigten Umsatz- und Gewinnschub beschert und gleichzeitig für Wachstumsphantasie gesorgt.

Die Konzernmutter Bertelsmann hat derzeit hohe Erwartungen an die RTL Group. Denn die Gütersloher haben für das Fernsehgeschäft in diesem Jahr schon viel Geld ausgeben. Zuletzt legte Bertelsmann mehr als eine halbe Milliarde Euro auf den Tisch, um den 7,5-Prozent-Anteil des Essener Printkonzerns WAZ an der RTL Group zu erwerben. Für Zeiler gab es ein persönliches Zuckerl. Kürzlich rückte der Österreicher in den Bertelsmann-Vorstand auf.

Ob sich Bertelsmanns TV-Hoffnungen erfüllen, steht in den Sternen. Nur soviel ist klar: Die RTL Group kommt mit der Expansion nur langsam voran. Der Aufbau oder der Zukauf von Sendern in Mittel- und Osteuropa will nicht so recht funktionieren. Verhandlungen über einen Einstieg in Tschechien oder Polen scheiterten an überzogenen Preisvorstellungen. Derzeit hat RTL nur in Ungarn und im kleinen Kroatien eine starke Stellung.

Die Beteiligung am russischen Sender Ren TV spielt wirtschaftlich kaum eine Rolle. Der Moskauer Kanal ist ein ökonomischer Zwerg. Womöglich handelt sich RTL mit seiner Minderheitsbeteiligung auch noch politischen Ärger ein. Denn derzeit wird das liberale Ren TV auf Kreml-Linie gebracht. Das Fernsehgeschäft in Russland ist und bleibt eben ein Spielball der politischen Interessen.

Zeiler steht mit seiner Expansionsstrategie unter hohem Erfolgsdruck. Angesichts des Niedergangs der deutschen Senderfamilie (RTL, Vox, Super RTL, N-TV) braucht er dringend neue Gewinnbringer. Schließlich konnten selbst hoch rentable Sender wie M 6 in Frankreich oder Antena 3 in Spanien die letzte Halbjahresbilanz nicht retten – Umsatz und Gewinn von Europas größtem Fernsehkonzern gingen deutlich zurück. Der einst so selbstbewussten RTL Group ist der Schwung abhanden gekommen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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