Analyse
Time Warner: Noch ein Ass im Ärmel

Viele Beobachter an der Wall Street waren verwundert, als Time-Warner-Chef Dick Parsons so gelassen auf die Attacke des Großinvestors Carl Icahn reagierte. Der hatte vor Wochen der Führung des Medienkonzerns vorgeworfen, viel zu wenig für den Aktienkurs zu tun.

NEW YORK. Während Icahn noch von einem riesigen Aktienrückkauf redete und den vollständigen Verkauf des Kabelgeschäfts forderte, hatte Parsons längst ein Ass in Ärmel. Heute wissen wir, dass Time Warner seit längerem mit Microsoft über eine Kooperation im Internet spricht.

Sollte Parsons mit Microsoft-Gründer Bill Gates ins Geschäft kommen, hätte er nicht nur für sein bisheriges Problemkind AOL eine Lösung gefunden. Vielmehr würde auch der Börsenkurs von Time Warner von einem Comeback des Onlinedienstes profitieren. Nach Meinung von Analysten könnte AOL zusammen mit dem mächtigen Partner Microsoft Anschluss an das Spitzenduo im Internet, Yahoo und Google, finden. Insbesondere hätten die beiden Partner einen besseren Zugriff auf den stark wachsenden Werbemarkt im World Wide Web.

Wie der Rest der Branche hat Time Warner erkannt, dass die Anzeigenerlöse im Internet deutlich stärker wachsen als in den klassischen Mediengattungen wie TV, Radio oder Print. Darin spiegelt sich zugleich wider, dass viele Menschen heute lieber zur Maus als zur Zeitung greifen. Der Medienvertrieb wird diesem Trend folgen.

Wie kann ein klassisches Medienhaus wie Time Warner an dieser Entwicklung teilhaben? Zunächst verfügt der Konzern über das zweitgrößte Kabelgeschäft in Amerika und ist damit gut aufgestellt, wenn es um die Versorgung mit Breitbandanschlüssen geht. Darüber hinaus hat Parsons mit AOL eine Internetmarke in der Hand, die nach Yahoo auf die zweithöchsten Besucherzahlen in den USA kommt. Wenn es Time Warner zusammen mit Microsoft gelingt, den Onlinedienst (ISP) in ein mächtiges Internetportal mit Suchfunktion zu verwandeln, bieten sich für beide Partner neue Wachstumschancen. Zumal das Duo bereits führend bei den Sofortnachrichten (Instant Messaging) ist.

An der Wall Street wird bereits darüber spekuliert, dass Time Warner AOL einfach aufteilen könnte: in einen herkömmlichen Onlinedienst und in ein wachstumsstarkes Internetportal. Das könnte nach Analystenschätzungen den Wert der Time-Warner-Aktie deutlich steigern. Ähnlich ist kürzlich auch Viacom-Chef Sumner Redstone vorgegangen. Der teilte gleich sein ganzes Unternehmen in wachstumsschwache und wachstumsstarke Bereiche auf.

Was auf dem Papier so gut aussieht, könnte jedoch schnell an der Wirklichkeit scheitern. Voraussetzung für eine funktionierende Partnerschaft wäre, dass sich Time Warner und Microsoft auf eine unternehmerische Führung ihrer Internetaktivitäten einigen. Da beide Konzerne jedoch in einem derart wichtigen Zukunftsmarkt nicht als Juniorpartner enden wollen, könnten sich die Kooperationspläne schnell wieder in Luft auflösen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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