Analyse zur Telekombranche
Deutschland braucht einen Drachen

Europas Telekom-Konzerne blicken neidisch auf Google und Co. Doch eigene Angebote, die die heimische Kundschaft begeistern, sind Mangelware. Statt Preiskampf braucht die Branche wieder Innovationen. Eine Analyse.

DüsseldorfEin Vorstand eines deutschen Telekommunikationsanbieters erzählt gerne diese Geschichte. Früher habe man friedlich auf der Cashcow „SMS“ gesessen, als eine kleine Maus mit dem Namen WhatsApp erschien. Niemand habe ihr große Beachtung geschenkt – bis sich die Maus in einen Drachen verwandelt und die Cashcow aufgefressen habe. Seither suchen die Telekomanbieter einen Weg mit den mächtigen Gegnern umzugehen – bisher recht erfolglos.

Der Grund dafür scheint schnell gefunden. Auf der einen Seite müssen sich die Unternehmen gegen Dienste wie Facebook, Google oder Skype durchsetzen. Diese werden auch Over-the-Top-Spieler (OTTs) genannt, weil sie Dienste über das Internet anbieten, aber keine eigene Infrastruktur besitzen. Dabei belegen sie nicht nur die Netze, sie graben den Betreibern mit kostenlosen Kurznachrichtendiensten, Sprach- und Videotelefonie auch noch die Umsätze ab.

Doch wenn die Unternehmen versuchen, neue Einnahmequellen zu finden, schlägt ihnen der harte Wind der europäischen Regulierung ins Gesicht. Höhere Preise für Telefonieren im Ausland? Die EU hat die Roaming-Gebühren für Privatnutzer abgeschafft. Geld damit verdienen, einige Dienste schneller als andere durch ihre Netze zu schicken? Verstieß bisher gegen das Prinzip der Netzneutralität. Die Daten der Kunden stärker auswerten? Probleme mit dem starken europäischen Datenschutz.

Für Google und Co sei all das kein Thema, klagen die Telekomkonzerne. Sie müssten nicht in den teuren Breitbandausbau investieren. Gleichzeitig würden sie Telefonie-Dienste anbieten, ohne den gleichen Regeln wie Telekombetreiber zu unterliegen. Hiesige Anbieter müssen etwa garantieren, dass die Kunden auch mit Nutzern anderer Netze telefonieren können. Der Videochat Face Time hingegen funktioniert nur, wenn beide ein Gerät von Apple benutzen.

Die hiesigen Anbieter fühlen sich von Gesetzen und Regulierung regelrecht gefesselt. So könne man den Kampf gegen die meist amerikanischen Internet-Supermächte nicht gewinnen, poltern sie lautstark und schüren die Angst europäischer Politiker vor einer zunehmenden globalen Bedeutungslosigkeit Europas. Besonders die großen Konzerne wie die Deutsche Telekom oder Vodafone wiederholen bei jeder Gelegenheit wie ein Mantra die Forderung nach gleichen Wettbewerbsbedingungen.

Das ist zunächst verständlich. Denn natürlich ist es richtig, dass die OTTs weniger strengen Regeln unterliegen. Dass sie mehr Geld mit Werbung verdienen können, weil sie nicht so stark auf Datenschutz achten müssen. Dass sie nicht in teure Netze investieren müssen. Dass sie ihre Konzernzentrale einfach an einen Ort legen können, der mit niedrigen Steuern lockt. Und so stimmen auch immer mehr Politiker in ihr Klagelied mit ein.

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Deutsche Kunden sind zögerlicher und konservativer

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