AOL-Abspaltung
Time Warner will Trennung schon im Dezember

Die Scheidung des Medienriesen Time Warner von seiner ungeliebten Internettochter AOL rückt näher: Bereits am 9. Dezember soll es soweit sein. Im Rahmen eines sogenannten "Spin-Offs", eines unechten Börsengangs wird AOL an die Aktionäre verschenkt.
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DÜSSELDORF. Der Alptraum für Time Warner ist am 10. Dezember beendet. Dann bringt der Medienkonzern seine einstmals so mächtige Internettochter AOL an die Börse. Eine der katastrophalsten Fusionen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ist damit beendet. Derzeit ist der ehemalige New-Economy-Star AOL noch mit rund 3,4 Mrd. Dollar bewertet. Bei der Bekanntgabe der Fusion war die Internettochter noch sagenhafte 164 Mrd. Dollar wert.

Im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt der New Economy sollte die Fusion von AOL mit Time Warner eine neue Medienära einleiten. „Das ist ein historischer Moment, in dem die neuen Medien wirklich erwachsen werden“, murmelte AOL-Gründer Steve Case ergriffen.

Die Verschmelzung der ungleichen Firmen wurde zu einem Fiasko. Vergeblich versuchte das Management, das damals weit verzweigte Imperium, zu dem Verlage wie Time, die Hollywood Studios Warner Brothers, das Musiklabel Warner Music, Fernsehsender wie CNN und TV-Kabelgesellschaften bis hin zum weltgrößten Onlinedienst AOL gehören, zu einem einheitlichen Konzern zusammenzuschweißen. Heute ist der weltgrößte Internetdienst AOL ein Sanierungsfall.

Mit der Abtrennung von AOL kehrt der traditionsreiche Medienkonzern zu seinen Wurzeln zurück. Unter dem nüchternen Vorstandschef Jeff Bewkes konzentriert sich Time Warner wieder auf seine alte Stärken, das Film-, Fernseh- und Zeitschriftengeschäft.

Die Loslösung von AOL ist keine Überraschung. Bereits seit Jahren hatte der New Yorker Konzern seine ehemals so erfolgreiche Tochter eingedampft. Bereits Bewkes Vorgänger, Richard Parsons, hat das europäische AOL-Geschäft eingestellt oder verkauft. Im amerikanischen Heimatmarkt hielt der Konzern vergeblich Ausschau nach einer Partnerschaft mit Microsoft oder Yahoo. Auch ein diskutierter Verkauf an das weltgrößte Internetunternehmen Google kam nicht zustande.

Google hat im Juli die Voraussetzungen für den Börsengang geschaffen. Die Suchmaschine aus dem kalifornischen Mountain View verkaufte ihre fünfprozentige Beteiligung an AOL. Der Onlinedienst AOL wurde zu einer Zeit groß, als der Zugang zum Internet und die Internetinhalte noch überwiegend aus einer Hand kamen. Die Kunden zahlen eine kombinierte Monatsgebühr für den Internetzugang per Telefonleitung und die Inhalte im geschlossenen AOL-Dienst. Vom Chatprogramm über die E-MailFunktion bis zu den Nachrichten. Das ließ sich – weil alles aus einer Hand kam – wunderbar vermarkten.

Mit dem Vordringen der Kabelanbieter und Telekomkonzerne in das Internetzugangsgeschäft und dem Auftauchen neuer Giganten wie Yahoo, Ebay, Amazon und zuletzt Google wandelte sich aber das Geschäft. Inhalt und Zugang wurden getrennt. Die Kunden wollten die freie Auswahl. Der Riese AOL mit seiner übermächtigen Abteilung Internetzugang versperrt sich dem Wandel, und das obwohl zum Schluss die Kunden jeden Monat zu Zehntausenden ihre Verträge kündigten und die Werbekunden zu Google oder Yahoo wechselten. 2006 ein dramatischer Rettungsversuch: Umstellung des AOL-Dienstes auf eine offen zugängliche Plattform ohne Monatsgebühr, jedoch ohne das Zugangsgeschäft abzuschaffen. Ein strategischer Fehler, der sich nicht mehr korrigieren ließ.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

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