Nach dem neuen Doping-Fall haben die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender mit sofortiger Wirkung die Live-Übertragung der Tour de France eingestellt. Ganz so schnell wollen die Sponsoren zwar nicht handeln, einen Ausstieg aus dem Radsport schließen T-Mobile und Gerolsteiner aber nicht mehr aus.
Doping: ARD und ZDF schalten Tour ab
HB HAMBURG. Nach Bekanntwerden der positiven Dopingprobe des T-Mobile-Profis Patrik Sinkewitz stellen ARD und ZDF ihre Berichterstattung von der Tour de France vorläufig ein. Das bestätigte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender am Mittwoch. Er habe sich am Morgen mit dem ARD-Programmdirektor Günter Struve beraten. „Wir haben entschieden, bis zur Klärung des Falles aus der Tour-Berichterstattung auszusteigen“, sagte Brender im „Mittagsmagazin“ des ZDF. Der Boykott werde so lange anhalten, bis die Angelegenheit geklärt ist, erklärte ein ZDF-Sprecher. Der Sender Eurosport wird nach dpa-Informationen die Berichterstattung hingegen fortsetzen.
Brender setzt darauf, dass alle Beteiligten nun „Klarschiff“ machen würden. „Ich hoffe, wir haben einen Schritt dazu beigetragen“, sagte er. Vor der Tour hatten ARD und ZDF angekündigt, ihre Berichterstattung vom wichtigsten Radrennen der Welt einzustellen, sollten erneute Dopingvergehen aufgedeckt werden.
Bildergalerie: Die Tour de France 2007
Sinkewitz war laut Mitteilung des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) bei einer Trainingskontrolle am 8. Juni mit einem deutlich erhöhten Testosteron-Wert getestet worden. Fassungslos reagierte Sinkewitz auf die Nachricht der positiven A-Probe. „Ich? Wieso ich? Davon weiß ich nichts. Das kann nicht sein“, meinte er. Der 26-jährige Sinkewitz war am Sonntag nach der 8. Tour-Etappe mit einem Zuschauer zusammengestoßen und hatte sich schwere Gesichtsverletzungen zugezogen. „Ich werde gleich operiert und kann mich jetzt nicht darum kümmern“, sagte er zu dem Doping-Vorwurf.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was die Deutsche Telekom sagt.
Der BDR war von der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA über den positiven Analysebefund mit dem erhöhten Testosteronwert informiert worden. Der lag bei 24 zu 1 - mehr als sechs Mal über den Grenzwert von 4 zu 1. „Das ist ein Tiefschlag. Wir müssen uns jetzt über unser Sponsoring Gedanken machen“, sagte T-Mobile-Kommunikations-Direktor Christian Frommert, dem die Mitteilung spürbar zusetzte. Die Telekom schließe einen Ausstieg aus dem Radsport ausdrücklich nicht mehr aus, sagte er in der ARD. Man werde nach Abschluss der Tour de France darüber entscheiden. „Wir müssen die Faktenlage prüfen“, betonte Frommert. Die derzeitigen Ereignisse seien „sehr, sehr enttäuschend und schockierend“ und ein „herber Rückschlag“ bei den Bemühungen um einen sauberen Radsport.
Man könne nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sagte Frommert. Man gehe davon aus, dass auch die B-Probe von Sinkewitz positiv sein werde. Nach der Tour werde man alles „analysieren und beratschlagen und dann eine Entscheidung treffen“. Die Entscheidung müsse aber auf Grundlage der ganzen Fakten getroffen werden, im Augenblick sei es dazu noch zu früh. „Mit Schnellschüssen ist niemandem gedient“, sagte Frommert.
Eine erste personelle Konsequenz zog das Team T-Mobile bereits: „Die Situation ist für uns klar. Wir haben Sinkewitz sofort suspendiert“, erklärte Team-Manager Bob Stapleton. Sein Team hatte bereits vor der Tour durchgegriffen und den ebenfalls auffällig gewordenen Profi Sergej Gontschar erst vom Giro d'Italia ausgeschlossen und dann entlassen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Reaktionen aus der Politik
Wie die Telekom will auch der Getränkehersteller Gerolsteiner sein Radsport-Engagement überdenken. „Wir werden im August beraten, ob wir dem Radsport auch nach Ablauf des Vertrages Ende 2008 treu bleiben“, sagte Sprecher Stefan Göbel. Zwar habe der Fall Sinkewitz keinen unmittelbaren Einfluss auf das Team Gerolsteiner, schließlich sei das Team dopingfrei. Entscheidend jedoch sei, ob es dem Team noch gelingt, positiv auf die Marke Gerolsteiner zu wirken, sagte Göbel. „Dafür ist Sinkewitz und der Ausstieg von ARD und ZDF sicherlich nicht förderlich.“
Der Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Peter Danckert sprach unterdessen von einem „großen Imageschaden für den Radsport“. Er sei „sehr enttäuscht, dass sich offenbar auch bei der neuen Fahrer-Generation nicht geändert habe und weiter skrupellos gedopt“ werde. Danckert wolle jetzt nicht in der Haut der Telekom-Verantwortlichen stecken, die eine rigorose Kontrolle der eigenen Fahrer angekündigt hatten.
Der haushaltspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Steffen Kampeter, forderte gegenüber dem Handelsblatt, dass die Bundesregierung als Miteigentümer der Deutschen Telekom über ihre Aufsichtsratsmitglieder den Ausstieg aus dem Radsport bei der nächsten Sitzung auf die Tagesordnung setzen solle. Zudem sollte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble überprüfen, die Zuschüsse an die Sportverbände generell zu kürzen, sagte Kampeter. „Es ist fraglich, ob die Zuschüsse unter diesen Umständen noch länger steuerlich absetzbar sein sollen“, sagte Kampeter.