Auftakt
Siemens-Prozess: Pferdediebe und Fassadenbauer

Der erste Tag des Siemens-Prozesses hat gezeigt, wie tief der Kulturwandel ist, den der neue Vorstandschef Peter Löscher dem Traditionskonzern verordnen muss

MÜNCHEN. Ein Fassadenbauer bei der Arbeit: Nach außen demonstriert Reinhard Siekaczek, 57, an diesem Morgen Zuversicht. Im blauen Anzug und mit offenem Hemd steht der klein gewachsene, leicht kugelbäuchige Mann neben seinem Anwalt. Er hat sich ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, hin und wieder lacht er sogar offen, als er sich den Fotografen stellt.

Dies ist der Tag Nummer eins im Prozess um die Siemens-Schmiergelder, und Reinhard Siekaczek ist der Angeklagte Nummer eins.

Doch in ihm drin arbeitet es. Seine Oberkiefer mahlen unentwegt. Als Siekaczek per persönlicher Erklärung im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts München seine Verwicklung in den Siemens-Skandal einräumt, zittert seine Stimme. Irgendwann findet der Ex-Siemens-Manager dann seinen Rhythmus. Monoton, fast lakonisch gesteht der Angeklagte: Ja, bei Siemens seien auch noch Schmiergelder geflossen, nachdem die in Deutschland Ende der 90er-Jahre unter Strafe gestellt worden waren. „Das ist, wie wenn man mit einem ICE mit Tempo 250 auf einen Bahnhof zufährt. Der Zug ist auch nicht so leicht zu stoppen.“

Wie ein ICE braust nun eine Prozesslawine durch die Gerichtssäle in München und anderswo. Das Verfahren gegen Siekaczek, eine der Schlüsselfiguren in der größten Schmiergeldaffäre der deutschen Wirtschaftsgeschichte, ist nur der Auftakt. Gegen 270 Beschuldigte aus dem Siemens-Universum ermittelt die Staatsanwaltschaft. Gleich mehrere Ex-Vorgesetzte und -Kollegen belastet Siekaczek am ersten Prozesstag schwer. Bald werden wohl einige von ihnen ebenfalls vor ihren Richter treten.

Die Tage, an denen dem neuen Vorstandschef Peter Löscher die Fratzen der alten Siemens-Kultur aus den Gerichtssälen hinterherstarren werden, es werden noch viele sein. Das ist gut so, aber es ist auch ärgerlich für Löscher, will er doch aufräumen und bei Siemens eine neue Unternehmenskultur durchsetzen.

Schon der erste Prozesstag lässt erahnen, wie viel Arbeit Löscher da noch bevorsteht.

Gut zwei Kilometer weiter östlich vom Gerichtssaal lässt Löscher die gute Siemens-Welt in Ordnung bringen – mit frischer Farbe. Am Wittelsbacher Platz, dem schönsten seiner Art in München, weist seit je Kurfürst Maximilian I. auf einer mächtigen Reiterstatue den rechten Weg. Dahinter eilen auch an diesem Montagmorgen die Menschen geschäftig ins zartrosa getünchte Palais Ludwig Ferdinand, Sitz des größten deutschen Technologiekonzerns.

Erst auf den zweiten Blick wird klar: An der Fassade werkeln Fassadenbauer. Die Front des Palais ist mit einem Abbild ihrer selbst verhängt. Nur kleine Löcher lassen die Baugerüste dahinter erahnen. Es wird kräftig renoviert, Siemens poliert den Glanz vergangener Zeiten auf.

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