Auslagerung von 50 000 Mitarbeitern
Telekom schafft Fakten

Die Telekom zieht durch, was sich durchziehen lässt und setzt damit im Streit um den geplanten massiven Stellenumbau die Gewerkschaft Verdi unter Zugzwang: Das Unternehmen lagert trotz der schon zwei Wochen dauernden Streiks zum 1. Juli rund 50 000 Mitarbeiter in den neuen Bereich T-Service aus. "Wir werden nun die Schritte tun, die wir auch ohne Zustimmung der Sozialpartner tun können", sagte Telekom-Vorstand Karl-Gerhard Eick am Freitag in Bonn. Die Mitarbeiter müssen dort für weniger Geld mehr arbeiten. Verweigerern droht der Konzern mit Kündigung. Der Gewerkschaft Verdi bot das Management am Freitag aber erneut Gespräche auf Basis des alten Angebots an.

HB BONN. Betroffen sind die Bereiche Callcenter, Technischer Kundendienst sowie Technische Infrastruktur der Festnetzsparte. Ohne eine Lösung mit Verdi würden die Betroffenen in bestehende Gesellschaften überführt und ihnen Mitte Juni die Tarifverträge angeboten, die mit der Gewerkschaft für die Call-Center von T-Mobile und den technischen Service der Tochter Vivento ausgehandelt worden seien, erläuterte der neue Personalvorstand Thomas Sattelberger auf einer Pressekonferenz in Bonn. Diese bedeuteten zum Teil stärkere Gehaltseinschnitte für die Beschäftigten als nach dem neuen Angebot, erläuterte Sattelberger. So sei das Gehalt im T-Mobile-Kundenservice über neun Prozent niedriger, im technischen Service der Vivento zwei Prozent. Zudem müssten sie künftig pro Woche vier Stunden länger arbeiten; es gebe keine Ausgleichszahlungen, keinen Verkaufsschutz und keinen oder einen kürzeren Kündigungsschutz, ergänzte Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick, der die Verhandlungen bisher kommissarisch führte. Die Konditionen seien damit zum Teil schlechter als das letzte Tarifangebot, das die Gewerkschaft Verdi abgelehnt hatte.

Mitarbeitern, die die neue Stelle nicht annehmen, drohe die Kündigung. Mit dem Betriebsübergang sei eine Beschäftigung auf dem alten Arbeitsplatz bei T-Com nicht mehr möglich, erläuterte Sattelberger. „Mit einem Widerspruch trifft der Mitarbeiter selbst die Entscheidung über seinen Arbeitsplatz.“

Verdi wies die Aufforderungen des Managements zurück und sprach von einem „unverschämten Versuch, die Einkommensverhältnisse seiner Mitarbeiter zu verschlechtern. „Mit ihrer Kündigungsdrohung gegenüber betroffenen Mitarbeitern macht die Telekom die bisher von ihr angebotene Beschäftigungssicherung praktisch wertlos“, erklärte Verdi-Bundesvorstand Lothar Schröder. Erneut traten bundesweit am 15 000 Telekom-Beschäftigte in den Ausstand.

Eick beteuerte, dass der Konzern eine einvernehmliche Einigung mit Verdi einem Alleingang vorzieht. Verdi solle an den Verhandlungstisch zurückkehren. Basis für die Gespräche sei das letzte Angebot. Sattelberger deutete an, dass die Telekom im Gegenzug für den Gehaltsverzicht eine Gewinnbeteiligung als variable Komponente zahlen könnte.

Gleichzeitig bot das Management der Gewerkschaft Verdi Gespräche auf Basis des jüngsten Tarifangebots an. „Wir sind jederzeit verhandlungsfähig, verhandlungsbereit“, sagte Sattelberger. „Wir wollen einen Konsens mit unserer Gewerkschaft finden.“ Andererseits gab sich der Personalchef hart: Ohne Abstriche stehe er hinter dem geplanten Stellenumbau. Dieser würde auch ohne Zustimmung des Sozialpartners umgesetzt werden. Aber „mir würde das Herz wehtun, wenn wir in diese Situation geraten“, sagte er.

Die Telekom kämpft in ihrer Festznetzsparte mit Kundenschwund und will daher die 50 000 Mitarbeiter der T-Com in drei konzerneigene Service-Gesellschaften (T-Service) auslagern. Dadurch soll T-Com wettbewerbsfähiger werden. Zudem sichere das die Arbeitsplätze langfristig, erklärt die Telekom. Verdi lehnt die Auslagerung ab. Sie sei ungeeignet, die Serviceprobleme zu lösen und den Kundenschwund am Heimatmarkt zu stoppen. Mit dem Streik will Verdi bessere Bedingungen für die Mitarbeiter herausschlagen, die Ausgliederung kann sie nicht verhindern.

Der letzte Vorschlag der Telekom sah unter anderem eine schrittweise Gehaltskürzung von neun Prozent und eine 38-Stunden-Woche vor. Im Gegenzug sollte ein Verzicht auf Kündigungen bis Ende 2011 und auf den Verkauf der Gesellschaften bis Ende 2010 gelten. Seit Verdi den Vorschlag ablehnte, ruhen die Gespräche. „Ich trage die T-Service-Strategie des Vorstands ohne jegliche Einschränkung mit“, sagte Sattelberger. Den Mitarbeitern würden nun Ankündigungsschreiben geschickt.

Verdi kritisierte, der Brief an die Beschäftigten verschärfe die Situation dramatisch: „Mit ihrer Kündigungsdrohung gegenüber betroffenen Mitarbeitern macht die Telekom die bisher von ihr angebotene Beschäftigungssicherung praktisch wertlos“, sagte Bundesvorstand Lothar Schröder.

Inzwischen wird die Telekom seit über zwei Wochen bestreikt. Betroffen sind vor allem die Bereich Call Center, Kundendienst und technische Infrastruktur. Nach Angaben von Vorstandsmitglied Timotheus Höttges sind die Auswirkungen jedoch begrenzt. Mehr als 85 Prozent der Belegschaft gingen zur Arbeit. Der Streik sei im Wesentlichen nur im technischen Kundendienst spürbar. Bei der Bereitstellung von Anschlüssen komme es zu Verzögerungen von bis zu drei Tagen. Die Telekom habe derzeit 3500 externe Kräfte im Einsatz. Die Erreichbarkeit der Call-Center sei gut. Auch Betrieb des Netzes gebe es keine nennenswerten Probleme. Keines der großen Projekte sei betroffen. Höttges nannte beispielhaft den G8-Gipfel in Heiligendamm. „Die Technik ist aufgebaut und betriebsbereit.“ Einschließlich der Warnstreiks seien bei der Telekom inzwischen 210 000 Streiktage aufgelaufen. Im Schnitt befanden sich 9000 Mitarbeiter im Ausstand.

Sattelberger sagte weiter, beide Seiten müssten bei einer Einigung zurückstecken. In den gesamten Angeboten gebe es viele Möglichkeiten, dass Telekom und Verdi ihr Gesicht wahren könnten. „Wir wollen nicht Scherben ohne Ende zusammenkehren.“ Die Telekom müsse zur Kultur der Sozialpartnerschaft zurückkehren, forderte er.

Finanzchef Karl-Gerhard Eick, der auf Seiten der Telekom in den vergangenen Monaten die Verhandlungen geführt hatte, sprach erneut von einer „fairen“ und „ausgewogenen“ Offerte. „Wir bieten Gespräche an und werden das Angebot weiter entwickeln“, meinte er. Zugleich bekräftigte Eick die Notwendigkeit des Stellenumbaus. Es gehe darum, die Telekom zukunftsfähig zu machen, die Service-Qualität zu verbessern und die Kostennachteile gegenüber den Wettbewerbern abzubauen.

Verdi unterstrich ihre bisherige Haltung, dass Verhandlungen nur dann Sinn machten, wenn sich die Telekom bewege. Es sei an der Zeit, die Position zu überdenken, endlich auf die Beschäftigten zuzugehen und ihnen eine Perspektive anzubieten statt sie zu bedrohen und einzuschüchtern, sagte Schröder. Wenn die Telekom über einen tariflichen Auslagerungsschutz sprechen wolle, sei die Gewerkschaft bereit, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, sagte Verdi- Streikleiter Wilhelm.

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