Balkan
Gegenseitige Schuldzuweisungen

Egal ob in Skopje oder Podgorica: In den Hauptstädten der vom angeblichen Telekom-Bestechungsskandal betroffenen Ländern Mazedonien und Montenegro blenden die Abgeordneten den Schmiergeldskandal konsequent aus. Sie überziehen sich lieber gegenseitig mit Korruptionsvorwürfen.
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BERLIN. Egal ob in Skopje oder Podgorica: In den Hauptstädten der vom angeblichen Telekom-Bestechungsskandal betroffenen Ländern Mazedonien und Montenegro blenden die Abgeordneten neue Korruptionsvorwürfe konsequent aus. Der früher leidenschaftlich debattierte "Telekom-Skandal" hat zurzeit keine Chance, auf die Tagesordnung der Parlamente zu kommen.

Das allerdings verwundert nicht. Denn in Montenegro, der früheren serbischen Teilrepublik mit der Ambition auf eine EU-Vollmitgliedschaft, herrscht der Autokrat Milo Djukanovic. Außerdem gilt "Zar Milo" als Kopf der Balkan-Zigarettenschieber-Mafia und hat sein Land voll im Griff.

Im ethnisch zwischen Mazedoniern und Albanern tief gespaltenen Mazedonien wiederum überziehen sich die großen Parteien gegenseitig mit Korruptionsvorwürfen. Die jetzige christdemokratische Regierung wirft in den Medien der früher regierenden sozialdemokratischen SDSM vor, bestechlich gewesen zu sein. Der damalige SDSM-Premier Vlado Buckovski schießt zurück: "Ich bin nicht von Telekom-Geld korrumpiert worden", sagte er einem lokalen Fernsehsender. "Aber wir sind hochgradig interessiert an der Klärung der Frage, welche Politiker Geld genommen haben", spielt er den Vorwurf in Richtung der konservativen Nachfolger zurück.

Buckovski argumentiert, die Telekom-Tochter MakTel in Skopje habe unmittelbar nach dem Wahlsieg der Christdemokraten im Mai 2006 einen Vertrag mit der Firma Analitiko AI geschlossen - deren Hauptzweck darin bestanden haben soll, gut dotierte Jobs für Politiker der Konservativen zu schaffen. "So eine Affäre am Hals zu haben ist schlecht für Mazedonien", räumt der heutige Transport- und Telekommunikationsminister Mile Jankieski immerhin ein.

Mazedoniens Telekom MakTel in Skopje weicht allen Nachfragen aus: "Als Firma können wir laufende Verfahren nicht kommentieren", sagte eine Sprecherin gestern. Immerhin hat MakTel in der Vergangenheit Konsequenzen aus den Korruptionsvorwürfen gezogen: Im August 2007 musste der damalige MakTel-Chef zurücktreten. Ein Amtsrichter in Skopje ermittelt immer noch gegen ihn, seinen damaligen deutschen Finanzchef und zwei weitere ausländische Manager. Der Vorwurf: Sie sollen 6,7 Millionen Euro durch dubiose Zahlungen an vermeintliche Consultingfirmen veruntreut haben. Inzwischen sollen die Manager aus Mazedonien geflohen und untergetaucht sein.

Oberstaatsanwalt Ljupco Svrgovski gab inzwischen bekannt, es werde auch ermittelt, ob "hohe Funktionäre Provisionen erhalten haben, damit der hiesige Markt für weitere Telefonanbieter geschlossen bleibt". Den Schaden der Affäre hat aber vor allem die Bevölkerung des EU- und Nato-Anwärters Mazedonien: Sie leiden unter der "Monopolstellung der Telekom und den astronomischen Preissteigerungen für deren Dienstleistungen", bilanziert die Zeitung "Dnevnik".

Auch für die Deutsche Telekom kommt der Skandal höchst ungelegen: Die Bonner sind nach Angaben aus Regierungskreisen in Serbien und Kosovo daran interessiert, auch dort bei den Privatisierungen der bisher staatlichen Telekomfirmen zum Zuge zu kommen und so ihr Netzwerk auszuweiten.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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