Bangalores Softwareunternehmen wollen ihre Abhängigkeit vom US-Markt reduzieren
Indiens IT-Branche strebt in die erste Liga

Indiens IT-Firmen stehen vor einem Strategiewechsel. Bislang profitierten die Softwareunternehmen von der Auslagerung von IT-Tätigkeiten europäischer oder amerikanischer Konzerne. Doch gerade die US-Unternehmen gründen mittlerweile ihre eigenen Ableger in Indien, in den USA wird die Verlagerung von Arbeitsplätzen im Wahlkampf heiß diskutiert. Folge: Die indischen Unternehmen zielen auf neue Märkte in Europa und Asien, dringen in andere Geschäftsfelder vor und suchen erstmals im Ausland nach Fachleuten.

BANGALORE. Mehr als zwei Drittel aller indischen IT-Dienstleistungsexporte gehen in die USA. Kiran Karnik, Präsident des indischen IT-Branchenverbands Nasscom, fordert seine Mitglieder auf, Geschäftsrisiken gleichmäßiger zu verteilen. Nur so könnten sie die Gefahr schwankender Währungen, politischer Hürden und eines möglichen Mangels an qualifizierten indischen Arbeitskräften minimieren. Viele Unternehmen reagieren: Indiens größter IT-Dienstleister Tata Consultancy Service (TCS) hat Entwicklungszentren in Ungarn, Uruguay und China eingerichtet. Konkurrent Infosys investiert in eine Tochter in Schanghai. „Wir hängen zu stark von den USA ab,“ gibt Chief Operating Officer S. Gopalkrishnan zu. Er will, dass sein Unternehmen statt 20 % künftig ein Drittel seines Umsatzes in Europa macht.

Der Strategiewechsel gilt nicht nur für IT-Dienstleistungen wie die Verwaltung von Datenzentren oder das Anpassen von Software. Auch die junge Infosys-Tochter Progeon hat Europa im Visier. Ihre 1 800 Mitarbeiter leben vom Auslagern ganzer Geschäftsprozesse, dem so genannten Business Process Outsourcing (BPO). Call Center sind dafür nur das simpelste Beispiel. Progeon hat einem großen US-Telekomausrüster einen Teil der Auftragsverwaltung abgenommen. Der hat daraufhin 300 Mitarbeiter entlassen. Die Inder machen deren Arbeit mit 230 Leuten, die nur einen Bruchteil kosten.

Europa hat die BPO-Welle noch nicht voll erreicht; bezeichnenderweise stammen alle zwölf Progeon-Kunden aus den USA und Großbritannien. Damit sich das ändert, öffnet die Firma im April eine Tochter in Tschechien. „Von Brünn aus können wir endlich auch Deutsch, Französisch und Spanisch anbieten,“ erläutert Vice President Amithab Chaudhry, der vor allem auf deutsche Kunden schielt. Die tun sich mit BPO schwerer als angelsächsische und ziehen osteuropäische Nachbarn fernen Ländern wie Indien vor. Von Tschechien aus kosten Offshore-Leistungen Chaudhry zufolge zwar über die Hälfte mehr als aus Indien. Doch die Niederlassung ist für ihn auch eine Art Ladenfenster. „Trennt sich ein Unternehmen einmal von einem Geschäftsprozess, wird es diesen in einem zweiten Schritt leichteren Herzens nach Indien transferieren,“ glaubt er.

Progeon umwirbt vor allem BPO-Kunden aus der Finanz- und Telekombranche, wo Infosys stark ist. Das Management beider Unternehmen verspricht sich davon Synergien. „Die Zukunft des Offshoremodells liegt in der Lieferung von IT-Diensten und Geschäftsprozessen aus einer Hand,“ glaubt Gopalakrishnan. Doch auf beiden Feldern machen Offshore-Töchter von US-Konzernen indischen Anbietern wie Infosys, Wipro und TCS heftig Konkurrenz – sogar auf dem Heimatmarkt: Bharti, Indiens größter privater Telekomkonzern, hat gerade Datenzentren, Helpdesks, Hardwarewartung und Softwareentwicklung auf 10 Jahre an IBM ausgelagert. Der Deal ist 750 Mill. $ wert. Um die erheblichen Kostenvorteile indischer Wettbewerber zu mindern, bauen auch IT-Berater und Systemintegratoren ihre Offshore-Zentren aus. „Konkurrenten aus dem Westen kopieren unser Geschäftsmodell,“ klagt Gopalakrishnan, „das zwingt uns, nach anderen Dienstleistungen Ausschau zu halten.“ Infosys will deshalb künftig ins klassische IT-Beratungsgeschäft vorstoßen und dort Unternehmen wie Accenture, IBM und Gap Gemini Konkurrenz machen. „Schlussendlich werden die Geschäftsmodelle führender westlicher und indischer IT-Dienstleister konvergieren,“ prophezeit Gopalakrishnan.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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