Bargeldloses Bezahlen
Das Handy als Brieftasche

Der IT-Dienstleister Itellium geht einiges Risiko für eine große Vision ein: Das bargeldlose Bezahlen per Handy. Der Lohn könnte ein weltweiter Erfolg sein – oder grandioses Scheitern. Ein erster Großkunde ist jedenfalls jetzt schon in Sicht.
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DÜSSELDORF. Es ist ein kühner Angriff auf einen lukrativen Markt – mit einigem Risiko: Jens-Uwe Holz plant mit seinem Essener IT-Dienstleiter Itellium den Einstieg ins bargeldlose Bezahlen per Handy. Erst vor einem Jahr ist er mit der Mannschaft der ehemaligen Tochter des gescheiterten Warenhauskonzerns Arcandor neu gestartet, schon will er auf dem Revier der Kreditkartenanbieter wildern. Sein Bezahlverfahren soll deren geplanten Funkchip-Karten Paroli bieten.

Ein erster Großkunde aus dem Handel ist für 2011 in Sicht

Holz’ Verfahren funktioniert so: Die Ladenkasse gibt ein quadratisches Punktefeld – einen QR-Code – aus, entweder auf Papier oder Bildschirm. Den fotografiert der Kunde mit dem Smartphone ab, auf das er ein kleines Zusatzprogramm geladen hat. Anschließend tippt er eine Geheimzahl ins Telefon. Daraufhin wird der Betrag über das System Itellipay von seinem Konto abgebucht und die Zahlung an der Kasse freigegeben. Das Verfahren soll schnell und billig und so auch für kleine Beträge attraktiv sein.

Anfang 2011 soll das Verfahren bei einer großen Supermarkt-Kette in einigen Läden starten, ab kommenden Sommer könnte es die Testphase verlassen. Über ein einfaches Software-Update soll es auf bestehende Kassen gespielt werden können und so auch für kleine Händler attraktiv sein. Zudem könne es in Online-Shops oder sogar auf Plakaten zum Einsatz kommen, sagt Holz. „Wir wollen dieses System sehr schnell in den Markt bringen“, sagt er, denn die Konkurrenz schläft nicht – im Gegenteil.

Gerade erst hat Google angekündigt, sein Handy-Betriebssystem Android für sogenannte NFC-Funkchips (früher besser als RFID-Chips bekannt) fit machen zu wollen. Zahlung per Handy und Chip sind in Japan bereits seit Jahren möglich.

Auch EC-Karten etwa von Payback sind mit der Technik ausgerüstet. Damit können Kunden berührungslos zahlen – bis 25 Euro ohne Geheimzahl. Die großen Kreditkartenfirmen setzen auf diese Technik. „Damit könnten wir zum ersten Mal einem Kiosk oder Bäcker preisgünstig bargeldlose Transaktionen anbieten“, sagt Jens Knobloch vom Zahlungsdienstleiter Easy-Cash. Schließlich würden die Abwickler geringere Gebühren pro Transaktion berechnen.

Immerhin 250 bis 280 Euro koste jedoch der Austausch pro Lesegerät. Deshalb, und weil bislang wenige Funkchips im Markt seien, werde die volle Ausbreitung wohl noch Jahre dauern.

Für Itellium könnte es noch schwerer werden. Die Funkchips hätten einfach die stärkeren Partner, heißt es in der Branche. Zudem müssten viele Händler für diese Technik teure neue Kassen kaufen, denn nur moderne Geräte könnten den Code verarbeiten. Kosten spare das System so nur dort, wo bereits moderne Kassen stehen, heißt es bei einer großen Einzelhandelsgruppe. Durchsetzen könne es sich nur, wenn es schnell und sicher funktioniere. „Es wird sehr schwierig, das als zusätzliches Verfahren zu promoten“, sagt Knobloch. Dazu kommt: Vodafone und O2 bewerben ihr eigenes Handy-Zahlsystem M-Pass für Online-Shops. Hier zahlen Kunden per Handynummer und SMS. Optimistischer für Itellium ist Handelsexperte Ulrich Spaan vom Kölner EHI Retail Institute. „Ausschließen würde ich nicht, dass sich zwei Systeme etablieren“, sagt er. Noch sei nicht absehbar, ob sich Funkchips durchsetzen. Allerdings werde über diese Technik auf der ganzen Welt gesprochen – über Itellium nicht.

Firmenchef Holz denkt trotzdem groß. Er will sein System global etablieren – zusätzlich zu den Funkchips. „Für viele Bereiche ist unser System einfach besser“, sagt er. Itellium plane große Investitionen – mindestens siebenstellig. Bei 20 Millionen Euro Umsatz im Rumpfgeschäftsjahr von Dezember 2009 bis September 2010 ist das nicht wenig. Ein Scheitern wäre aber nicht existenzbedrohend für Itellium, beschwichtigt Holz. Denn auch sonst denkt er nicht klein: Im laufenden Jahr will er über 30 Millionen Euro Umsatz machen, die Mitarbeiterzahl könne bis Sommer um 50 auf dann 350 steigen, hofft er. Im Kerngeschäft mit IT für Handelskunden kämen auf Monatsbasis schon ein Viertel der Umsätze von neuen Kunden außerhalb des Karstadt-Imperiums.

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