Berichtsverbot
Iran hebt Zensur für das ZDF auf

Die iranische Regierung hat das Berichtsverbot für das ZDF, dessen offizieller Grund angeblich in einem acht Jahre alten Bericht des Senders lag, am Montag überraschend aufgehoben. Experten interpretieren die Rücknahme der Zensurmaßnahmen als Indikator für die Zerrissenheit in der Führung in Teheran.

DÜSSELDORF. In der iranischen Regierung unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad tobt offenbar ein Streit über die freie Berichterstattung durch ausländische Medien. Nach massiven Behinderungen und Übergriffen nach der Präsidentschaftswahl wurde am Montag überraschend das Berichtsverbot für das ZDF aufgehoben. „Unser Korrespondent Halim Hosny darf wieder berichten“, sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender dem Handelsblatt. Zuvor sei das Berichtsverbot für den ZDF-Journalisten zu seinem eigenen Schutz vor Übergriffen erteilt worden, teilten die iranischen Behörden laut ZDF mit. Hintergrund der Zensurmaßnahmen war offenbar auch ein acht Jahre alter Beitrag des Senders, der iranische Jugendliche beim Alkoholkonsum zeigte. Wie Brender betont, wurde dieser Beitrag aber nicht in den vergangenen Jahren ausgestrahlt. Das werde man auch den iranischen Behörden mitteilen.

Dem ZDF-Journalisten Hosny hatten die iranischen Behörden am Wochenende ein „Berichtsverbot“ erteilt. Damit konnte er nicht mehr Bild- und Tonmaterial in die Mainzer Sendezentrale überspielen. Auch ARD-Korrespondent Peter Mezger wurde massiv unter Druck gesetzt. Nach ARD-Angaben konnte er aber am Montag sein Büro wieder verlassen. Experten interpretieren die Rücknahme der Zensurmaßnahmen im Fall von ZDF als Indikator für die Zerrissenheit in der iranischen Führung. Offenbar gebe es Kräfte, die den scharfen Protest beispielsweise von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sehr ernst nehmen. Sowohl das ZDF als auch ARD hatten gegen die massive Einschränkung der freien Berichterstattung bei der iranischen Botschaft in Berlin protestiert.

In den vergangenen Tagen erlebten ausländischen Journalisten im Iran drastische Zensurmaßnahmen. Nach Angaben der Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen gelten inzwischen zehn Journalisten als vermisst. Das Regime in Teheran verbot Überspielungen und störte Internetseiten wie Facebook ebenso wie den Mobilfunk und Satellitenausstrahlung auf Persisch, beispielsweise von der BBC.

Die Behinderung der Berichterstattung ist für ausländische Korrespondenten allerdings keine neue Erfahrung. „Immer wenn im Iran die gesellschaftlichen oder politischen Verhältnisse schwieriger sind, werden die Kontrollmaßnahmen für die Medien verschärft“, sagt Brender. „Wir werden in Ländern wie dem Iran als Teil der Opposition wahr genommen.“ Bislang haben die Bilder aus dem Iran letztlich aber noch immer ihren Weg ins Ausland gefunden. Durch neue Kommunikationswege wie die Videoplattform Youtube oder Onlinenetzwerke wie Facebook oder Twitter wird es für Zensoren immer schwieriger, Informationen, Meinungen und Bilder zu verhindern. „Regierende können eine laufende Berichterstattung mit Zensur stören oder stark beeinträchtigen. Doch auf Dauer lassen sich Bilder nicht löschen“, bilanziert Brender. Er hat Zensur in seiner Zeit als ARD-Korrespondent in Lateinamerika kennen gelernt.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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