Berliner Zeitung
Chefredakteur siegt über Redaktion

Josef Depenbrock gewinnt vor dem Arbeitsgericht Berlin und bleibt Chefredakteur und Geschäftsführer der "Berliner Zeitung". Die Entscheidung des Gerichts ist bitter für die Redaktion, Gewerkschaften kritisierten das Urteil.

DÜSSELDORF. Der Zeitungsmanager Josef Depenbrock triumphiert über die Redaktion der "Berliner Zeitung". Der 46-Jährige darf Chefredakteur der Zeitung und gleichzeitig Geschäftsführer bleiben. Das bestätigte gestern das Arbeitsgericht Berlin. Depenbrock ist der Statthalter des renditeorientierten Verlegers David Montgomery, dessen Firma Mecom die "Berliner Zeitung" (BZ) gehört.

Der Redaktionsausschuss hatte wegen der kontroversen Doppelfunktion von Depenbrock in Redaktion und Verlag geklagt. Die Redakteure sind der Meinung, dass Depenbrock in seiner bisherigen Funktion gegen das zwei Jahre alte Redaktionsstatut verstößt.

Der frühere Journalist Montgomery führt die britische Zeitungsholding Mecom, zu der auch die "Hamburger Morgenpost" und das Onlineportal "Netzeitung" gehört. Die Mecom-Aktie ging gestern an der Börse in die Knie. Das Papier stürzte am Nachmittag um 14 Prozent auf 0,24 Euro ab. Vor einem Jahr war die Medienaktie noch 1,42 Euro wert. Mecom erzielte 2007 einem Umsatz von 1,35 Mrd. Pfund (Vorjahr: 1,31 Mrd. Pfund) und einen operativen Gewinn von 120 (96) Mill. Pfund. Mecom will in Deutschland 150 der insgesamt 930 Arbeitsplätze abbauen.

Montgomery hatte das ehemalige Ost-Blatt "Berliner Zeitung" von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck übernommen, die auch das Handelsblatt herausgibt. Das Kartellamt hatte Holtzbrinck auf Betreiben des Medienkonzerns Axel Springer den Besitz des Berliner Verlags untersagt. Holtzbrinck hat in Berlin bereits die Zeitung "Tagesspiegel".

Die gestrige Entscheidung der Berliner Justiz ist für die Redaktion bitter. Die Trennung von Redaktion und Verlag war bei der "Berliner Zeitung" ähnlich wie in der gesamten Zeitungsbranche bislang eine Selbstverständlichkeit. Die Gewerkschaften kritisierten daher das Urteil. "Auf Dauer sind die beiden Positionen ohne Beschädigung der publizistischen Unabhängigkeit nicht miteinander vereinbar", sagte DJV-Chef Michael Konken. Depenbrock war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

In der Berliner "Tageszeitung" gab es gestern eine große, ernst gemeinte Anzeige mit dem Wortlaut: "Verleger gesucht - Hochmotivierte Tageszeitungs-Redaktion in noch ungekündigter Position möchte sich neuen Herausforderungen stellen." Bewerbungen sollten an den Redaktionsausschuss der "Berliner Zeitung" geschickt werden.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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