
HB DÜSSELDORF. Was der Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski der Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn im Beisein von über 1 000 Gästen in Berlin feierlich überreichte, war offiziell eine Firmenchronik. In Wahrheit war es aber auch eine Abrechnung mit der Ära Thomas Middelhoff.
Der Vorvorgänger von Ostrowski hatte den Konzern von November 1998 bis Juli 2002 geführt und war im Unfrieden mit der Familie Mohn ausgeschieden. Bis heute haben beide Seiten Stillschweigen über die Gründe des Abgangs bewahrt.
Mit der von der Bertelsmann AG herausgegebenen Firmenbiografie ist das Schweigen gebrochen. In seltener Freimütigkeit rechnet der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff in der Chronik mit der Interneteuphorie ab und stellt Middelhoff als Kind einer verrückten Zeit dar. Er habe Bertelsmann mit vielen Zukäufen in das Internet-Zeitalter katapultieren wollen. "Im Rückblick sind die Schwächen dieses Aufbruchs an allen Fronten leicht zu erkennen. Ohne klare Fokussierung wollte Bertelsmann überall dabei sein. Middelhoffs Kurs entsprach der allgemeinen Desorientierung."
Berghoff beschreibt den damaligen Helden Middelhoff sogar als Hasardeur. Bertelsmanns Versuch, mit der Internet-Tauschbörse Napster zu kooperieren, brachte dem Konzern eine Sammelklage der Musikindustrie ein: "Diese Klage hätte den ganzen Konzern zerstören können."