Bertelsmann: Medienmonarchie aus Gütersloh

Bertelsmann
Medienmonarchie aus Gütersloh

Nach dem Krieg machte Reinhard Mohn das Familienunternehmen Bertelsmann zu Europas größtem Medienkonzern und sich zum Herrn über Buchclubs, Fernsehsender und Verlage. Seit dem Tod des Patriarchen regiert seine Ehefrau Liz das Reich von "Stern" bis RTL. Doch das Rennen um die Macht nach ihrer Regentschaft ist bereits eröffnet.

GüterslohDas Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt ist vor der Ankunft der Königin dieser Nacht in grelles Licht getaucht. Davor liegt ein tiefroter Teppich, über die gewaltige Treppe ins Innere gelegt, trägt er all die Minister und Wirtschaftsführer, ja sogar die Bundeskanzlerin, hinein in den klassizistischen Prachtbau. Fernsehteams und Klatschfotografen drängen sich, Sicherheitsleute sorgen für Ruhe und Ordnung, es herrscht ein Hauch von Hollywood mitten in Berlin.Die Mächtigen des Landes sind gekommen an diesem kühlen Abend im vergangenen September, an dem Liz Mohn, die Königin dieser Nacht, den Auftritt ihres Lebens hat. Sie ist nun 69 Jahre alt und steht im Zenit ihrer Macht. Nach dem Tod ihres Mannes Reinhard im Oktober 2009 führt sie Bertelsmann, Europas größten Medienkonzern mit mehr als 15 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Die Feier an diesem Abend zum 175-jährigen Bestehen des Unternehmens wirkt wie ihre Krönungsmesse in der konstitutionellen Monarchie Gütersloh, denn einerseits regiert hier Queen Liz, andererseits herrscht aber in dem Medienimperium eine große Unabhängigkeit der Fürstentümer, und die regierten Manager dürfen viele Entscheidungen selbst treffen.

Liz Mohn, so scheint es, gibt sich im schlichten blauen Kostüm ohne viel Extravaganz sichtlich Mühe, in der Hauptstadt nicht als pompöse Provinzkönigin belächelt zu werden. Bei Bertelsmann reagieren sie ohnehin seit jeher sehr empfindlich, wenn sich Konkurrenten über den Konzernsitz Gütersloh lustig machen.

Für Liz Mohn geht es an diesem Abend um mehr. Sie kann zeigen, dass sie all die Widersacher überlebt hat, all die demütigenden Sprüche über sich, über die ehemalige Telefonistin aus dem Bertelsmann-Buchclub, die ewige Geliebte des Konzernpatriarchen Reinhard Mohn, die er dann irgendwann doch noch heiratete. Nach dessen Tod hat sie das Zepter endgültig allein in der Hand. Zahlreiche Manager mit großen Egos blieben auf der Strecke, die Mächtigen und Berühmten des Landes und der Welt haben Liz Mohn derweil in ihren Kreis aufgenommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Unternehmerkollegen wie Hubert Burda und Friede Springer machen ihr beim Bertelsmann-Jubiläum nun ihre Aufwartung.

Reinhard Mohn darf die Feier zum 175-jährigen Bestehen nicht mehr erleben. Der Unternehmer, der für die Medien in Deutschlands Nachkriegszeit das war, was Max Grundig für die Elektronik und die Quandts für die Autos waren, war ein Jahr zuvor im Alter von 88 Jahren gestorben. Viele Jahre hatte er Liz Mohn auf sein Erbe vorbereitet und sie schließlich als dessen Hüterin eingesetzt. Sie soll das Unternehmen, das er in der fünften Generation zu einem Weltkonzern gemacht hat, weiterführen, was sie zu einer der stärksten Frauen in Deutschlands Wirtschaft macht und zur indirekten Herrscherin über ein gutes Stück mediale Macht. Die Verlage Gruner + Jahr („Stern“, „Gala“, „Financial Times Deutschland“, „Geo“) und die Fernsehsender der RTL-Gruppe gehören ebenso zum Imperium wie der Druck- und Mediendienstleister Avarto und verschiedene Buchclubs, in 50 Ländern ist der Konzern aktiv.

Das Erbe, auch dafür hat der Patriarch in dynastischer Absicht schon gesorgt, soll Liz im Jahr 2016 an die Kinder übergeben. Das ist eine späte Genugtuung für eine Frau, die von ihrem Mann zunächst verleugnet wurde. Sie musste gar einen anderen aus dem Konzern heiraten und eine Ehe mit ihm führen zwischen den Besuchen Reinhard Mohns, die gemeinsamen Kinder zog sie zunächst unter dem Namen des anderen auf. Doch nun soll die Frau, die ihr Leben dem Begründer von Bertelsmann als Großkonzern verschrieben und bisweilen auch untergeordnet hat, das Überleben des dynastischen und 175 Jahre alten Erbes sichern.

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