Bochum
Das Leben nach Nokia

Seit einem Jahr ist das Nokia-Werk in Bochum dicht. Die Stadt sucht Investoren, viele Ex-Mitarbeiter suchen einen neuen Job. Den finden in der Krise nur wenige – wie es einer dennoch geschafft hat.

BOCHUM. Manchmal wundert er sich über sich selbst. Mit 17, nach der Realschule, machte Mark Bollmann eine Lehre zum Kommunikationselektroniker bei Siemens, später reparierte er Mobiltelefone – für Nokia. Heute ist Bollmann 32 und quält sich durch komplizierte Gesetzestexte.

„Das hier“, sagt er und hält ein dickes Buch mit rotem Kunststoffeinband hoch, „das hab ich mir in den letzten Wochen und Monaten reingepaukt.“ Mark Bollmann blättert in dem Wälzer: „Straßenverkehrsrecht“ aus der Reihe „Beck'sche Textausgaben“, 3080 Seiten, eng bedruckt auf extra dünnem Papier, drei Kilo davon. Schwere Kost.

Bollmann sitzt in Jeans und T-Shirt, die Haare fransig gegelt, an einem ausladenden Schreibtisch. Darauf ein Computer und das so gewichtige „Straßenverkehrsrecht“. Vor ihm stehen ein paar Tische und Stühle in U-Form, hinter ihm hängt eine blank geputzte weiße Tafel.

Hier in der Fahrschule Peter Geutner im Norden von Bochum absolviert Mark Bollmann gerade den praktischen Teil seiner Ausbildung zum Fahrlehrer. Er erklärt Schülern Vorfahrtsregeln, die Länge des Bremswegs, klärt auf, welche Abstände sie im Straßenverkehr einhalten sollten. Er gibt weiter, was er gerade erst gelernt hat. „Eigentlich“, sagt Bollmann, „hab ich gedacht, dass diese Zeiten schon lange vorbei sind.“ Diese Zeiten der Paukerei, der Prüfungen, der ständigen Zitterpartien.

Sie sind es nicht. Sie haben für Mark Bollmann im vergangenen Jahr wieder begonnen. Am Ende wird er Fahrlehrer für alle Führerscheinklassen sein. Wegen Nokia.

Am Anfang seines erstaunlichen Wandels war er Service-Mitarbeiter im Bochumer Werk des Mobiltelefonherstellers Nokia. Acht Jahre hat er dort gearbeitet, hat Reklamationen betreut und kaputte Handys ausgetauscht, bis der finnische Konzern die Produktion im Ruhrgebiet einstellte und Bollmann seinen Job verlor. Ein Jahr ist das jetzt her. Nokia zog damals als Letzter der Branche die Fertigung aus Deutschland ab und baute stattdessen ein völlig neues Werk in Rumänien (siehe: Nach dem Skandal).

Die Empörung über das Vorgehen der Finnen hat sich längst gelegt. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Debatten über die Moral von Unternehmen und den Umgang mit Subventionen, die der Fall Nokia vor einem Jahr auslöste, verdrängt.

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