Böhmermanns Adidas-Kritik
„Eier aus Stahl“ – mit Fehlern

In seinem „Neo Magazin Royal“ keilt Jan Böhmermann gerne gegen Politiker und Wirtschaftsgrößen. Nun nimmt der Satiriker Adidas-Chef Herbert Hainer wegen der WM 2006 ins Visier – und schießt weit übers Ziel hinaus.

MünchenAdidas und der Fußball, das ist wie Weihwasser und die katholische Kirche. Seit Jahrzehnten passt kein Blatt zwischen die Mächtigen des Weltfußballs und die Marke mit den drei Streifen. Doch die Debatte um das angeblich gekaufte Sommermärchen 2006 bringt dem Sportkonzern täglich neue, negative Schlagzeilen. Denn das Schmiergeld soll vom ehemaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus stammen.

Jan Böhmermann hat sich der Sache jetzt bei ZDF Neo angenommen. Der 34-Jährige hatte im Frühjahr mit seiner angeblichen Fälschung des Stinkefinger-Videos des ehemaligen griechischen Finanzminister Varoufakis für Aufsehen gesorgt (#Varoufake). Nun gibt sich der Satiriker alle Mühe, den Skandal und die Verwicklung von Adidas anschaulich zu machen. Dummerweise nimmt er es mit der Wahrheit in seinem Format „Eier aus Stahl“ nicht immer allzu genau. Das Handelsblatt hat den Adidas-Clip aus dem „Neo Magazin Royal“ dem Faktenscheck unterzogen.

Fakt 1: Ja, Adidas hat vergangenes Jahr 14,5 Milliarden Euro Umsatz erzielt. Wahnsinnig viel Geld, das stimmt schon. Was Böhmermann verschweigt: 2014 war alles in allem eine blanke Katastrophe für Adidas, der Gewinn ist um mehr als ein Drittel eingebrochen, der Aktienkurs um fast 40 Prozent abgeschmiert. Das Jahr des großen Triumphs von Jogis Elf in Rio, für den von Böhmermann geschmähten Adidas-Chef Herbert Hainer war es einfach nur furchtbar. Die Aktionäre waren sauer, Investoren forderten sogar seine Ablösung. Denn Tatsache ist: Der Hauptkonkurrent Nike ist viel, viel größer und zudem deutlich profitabler.

Fakt 2: Böhmermann behauptet, Adidas-Erbe Horst Dassler hätte Fifa-Präsident Sepp Blatter in dessen ersten Jahren beim Weltfußballverband bezahlt. Unstrittig ist, dass der Schweizer zu Beginn seiner Arbeit bei der Fifa in den Büros von Adidas gearbeitet hat. Aber Blatter bestreitet, dass er von dem Sportkonzern seinen Lohn bekommen hat. „Ich stand niemals auf der Gehaltsliste von Adidas“, betonte Blatter schon vor Jahren. Kann man dem Patron glauben? Tja, nicht unbedingt. Aber einfach ohne Beweise das Gegenteil in den Raum zu stellen, ist auch mutig.

Fakt 3: Böhmermann vergleicht seine eigenen, zweijährigen Handyverträge mit den Sponsoringkontrakten von Adidas und kommt zum Schluss: Alles Schiebung, kein Mensch würde sich je bis 2030 an einen Partner binden – so wie es die Marke mit den drei Streifen und der Weltfußballverband getan haben. Tatsache ist: Viele Sponsoringverträge laufen über mehrere Jahre, Adidas hat auch Manchester United für ein volles Jahrzehnt verpflichtet. Sicher ist die extrem lange Laufzeit der Fifa-Vereinbarung außergewöhnlich. Aber: Weltmeisterschaften sind nur alle vier Jahre. Ein Zweijahresvertrag wäre von vornherein nutzlos. Also: Ein plakativer Vergleich von Böhmermann, der freilich etwas schief ist.

Fakt 4: Adidas ist der Top-Sponsor im Fußball auf der ganzen Welt – sagt Herr Böhmermann. Schön wär’s, würden sie da im Adidas-Hauptquartier in Herzogenaurach wohl antworten. Klar hat das Label einen guten Stand im Fußball, aber der US-Rivale Nike ist mindestens auf Augenhöhe; so genau lässt sich das nicht sagen, weil kein Außenstehender die Verträge kennt. Die Marke von der amerikanischen Westküste hat Nationalteams wie Frankreich und Brasilien unter Vertrag und ist in ihrem Geschäftsgebaren nicht viel besser.

Der Fußballklub Paris St. Germain und Nike sind jedenfalls vergangene Woche mit einer Millionen-Strafe für Jahre zurückliegende Steuervergehen belegt worden. Ein Gericht verurteilte die Partner zur Zahlung von 5,5 Millionen Euro an die URSSAF, die in Frankreich für die Erhebung von Sozialabgaben zuständige Organisation. Der französische Meister und Nike werden beschuldigt, vielen Profis zwischen 2000 und 2005 nicht versteuerte Extra-Gelder gezahlt zu haben.

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