Branche stellt sich auf deutlich geringeres Wachstum ein
Chipindustrie sucht neue Geschäftsfelder

Für die erfolgverwöhnte Halbleiterindustrie brechen magere Zeiten an. Nach Ansicht des deutschen Branchenverbands ZVEI müssen sich die Unternehmen von den zweistelligen Zuwachsraten der Vergangenheit verabschieden.

MÜNCHEN. „Statt eines jährlichen Wachstums von durchschnittlich 15 Prozent sind künftig nur noch fünf bis sieben Prozent zu erwarten“, warnte Gotthard Graß, Hauptgeschäftsführer des ZVEI auf der Handelsblatt-Jahrestagung Halbleiterindustrie in München. Nach Ansicht von Graß nähert sich die Branche immer mehr dem deutlich geringeren Wachstum ihrer wichtigsten Abnehmerindustrien an.

In den vergangenen Jahren profitierten die Chiphersteller davon, dass mit Handys und Digitalkameras immer mehr Geräte mit einem hohen Halbleiter-Anteil auf den Markt kamen. Zudem wurden zunehmend Chips in Maschinen und Autos eingebaut. Doch jetzt stößt die Industrie nach Ansicht von ZVEI-Experte Graß in vielen Bereichen an Grenzen: „Würde das Wachstum so weiter gehen wie in den letzten 30 Jahren, dann wäre die Chipbranche in nicht allzu ferner Zukunft größer als die heutige ganze Weltwirtschaft.“

Doch es gibt auch praktische Beschränkungen: „Die Autohersteller verlangen Komponenten, die 15 Jahre lang lieferbar sind. Das können die Firmen in dem schnelllebigen Chipumfeld oft nicht garantieren,“ erläutert Graß.

Zudem werde im Gegensatz zu früher längst nicht jede neue Technologie in der Computerbranche – der wichtigsten Abnehmerindustrie – von den Konsumenten angenommen. Deshalb werde das bislang ungestüme Wachstum der Chiphersteller deutlich abflachen.

Die Branche reagiert bereits auf die Herausforderungen und sucht neue Geschäftsfelder. „Die Halbleiterhersteller rücken näher an die Endkunden heran“, betont Dieter May, Chefstratege der Münchener Infineon AG. Erstmals verkauft die frühere Siemens-Tochter ihre Chips nicht nur an Computerbauer oder Autohersteller. Seit einiger Zeit geht Infineon mit so genannten RFID- Chips direkt auf Endabnehmer wie Bibliotheken, große Farmen oder Handelshäuser zu. Durch die Chips lässt sich die Bewegung von Waren – von Büchern bis Kühen – drahtlos verfolgen. Gemeinsam mit SAP, dem Marktführer für Unternehmenssoftware, vermarktet Infineon die immer beliebter werdende Technologie. In Wien hat Infineon bereits eine Bibliothek damit ausgestattet.

Allerdings macht sich die Industrie Sorgen, ob sich die Kunden auch wirklich für die neuen Lösungen begeistern werden. „Dass sich die Technik rasant weiter entwickeln wird ist völlig klar“ sagte Kees den Otter, Europachef des Taiwaner Chipherstellers TSMC. „Fraglich ist nur, wie schnell die Kunden die neuen Angebote annehmen werden.“

So rechnet der niederländische Chipproduzent Philips zwar mit einem weiter kräftig expandierenden Handy-Geschäft. „Die spannende Frage ist allerdings, wie viele Zusatzfunktionen die Leute wollen“, sorgt sich Philips-Manager Peter Baumgartner. Längst hat das Unternehmen Technologien entwickelt, mit denen per Handy an der Kinokasse bezahlt werden kann und durch die sich der Blutdruck messen lässt.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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