Brettspiel „Finanzkrise“

Wie ich fast ganz Griechenland privatisierte

Seite 2 von 2:
„Hey, mir gehört der Eiffelturm“
Die Eurokrise für den Küchentisch
Finanzkrise1
1 von 7

Auf der Spielemesse in Essen hat der Verlag Doppeldenk das Spiel „Finanzkrise“ (“Euro Crisis”) vorgestellt, bei dem man als Bank möglichst viel Staatseigentum privatisieren muss (hier der Artikel). Es umfasst ein Hauptbrett, auf dem das Einkommen, das Jahr, das Quartal und die Punkte festgehalten werden. Drumherum liegen die Länder-Übersichten von Griechenland, Spanien, Frankreich und Irland, zu erkennen an den Landesfahnen.

Finanzkrise2
2 von 7

In jeder Runde spielt man eine Hand von seiner Karte ab, um eine Aktion auszuführen: Hier investierten gleich mehrere Banken in Frankreich, erkennbar an den runden Holzmarkern im Zahlenfeld. Je höher die Zahl, desto mehr Zinsen bringt die Anleihe. Doch je weiter der pinke, rechteckige Schuldenmarker nach rechts oben rückt, desto näher rückt ein Schuldenschnitt – und alle Investoren verlieren.

Finanzkrise3
3 von 7

Griechenland ist von Beginn an ein sehr riskantes Investment: Das Zahlenfeld ist kleiner, der pinke Marker erreicht schneller das Schuldenschnitt-Feld. In diesem Fall ein zusätzliches Problem: Die Konservativen sind mit den Sozialisten an der Macht (graue Marker auf der Parlamentsabbildung). Wenn die Regierung zwei linke Reformen anstößt, ist das Land pleite.

Finanzkrise4
4 von 7

Ein paar Runden später gibt es einen Schuldenschnitt in Griechenland, und kurz darauf stürzen sich die Investoren in das Land, um das Staatseigentum abzugreifen – denn wer Griechenlands Häfen, die Akropolis und die griechischen Inseln besitzt, hat das Spiel sofort gewonnen. Der Spieler mit der grünen Figur (links im Bild) ist knapp daran gescheitert.

Finanzkrise5
5 von 7

In Frankreich steigt indes der Schuldenstand und fast das gesamte Staatseigentum (links) ist privatisiert – einzig die Sozialversicherung (links oben) gehört noch dem Fiskus. Allerdings sind die Bürger unzufrieden: Durch Sparmaßnahmen ist der pinke Marker in der Leiste ganz oben nur zwei Felder vom Aufstand entfernt. Wenn dann die Demonstranten siegen, wird zurückverstaatlicht.

Finanzkrise6
6 von 7

Irland zum Beispiel hat’s erwischt: Die Bevölkerung ruft zum Aufstand, zu erkennen am rosa Stein. Nun kann jeder Spieler mit zuvor gekauften Waffen entweder die Bevölkerung unterstützen oder die Regierung. Banken, die Staatsbetriebe besitzen – hier grün und blau –, haben natürlich kein Interesse daran, dass das Volk die Macht zurückerlangt. Andere Spieler wollen ihren Rivalen jedoch schaden – denn wer Privatisierungen verliert, büßt oft massig Punkte ein.

Finanzkrise7
7 von 7

Das Spiel befindet sich noch in der Entwicklungsphase, macht aber jetzt schon Spaß. Der Aufbau ist immer ein anderer – Frankreich könnte zum Beispiel mit einer liberal-kommunistischen Regierung starten. Und wegen des klugen Designs gibt es immer wieder Momente, die realistisch wirken. Wie hoch der Wiederspielbarkeitswert ist, kann nach einer Testrunde allerdings nicht gesagt werden.

Handelsblatt Online hat das in der Entwicklungs-Phase befindliche Spiel getestet (siehe Bildergalerie für ein paar Beispielmechanismen). Die Regeln sind komplexer als die von „Siedler von Catan“, umfassen aber jedoch nicht mehr als acht DINA4-Seiten. Nach ein wenig Einarbeitungszeit gehen die Mechanismen gut von der Hand, bilden dafür aber die Realität nicht immer ganz originalgetreu ab.

Es gibt zum Beispiel keinen Interbankenmarkt – Anleihen können nicht untereinander gehandelt werden –, Rettungsschirme wie EFSF und ESM tauchen nur implizit auf, und die Troika aus EZB, EU und IWF wird zum Auktionator degradiert, der lediglich Staatseigentum an Höchstbietende versteigern darf. Galgor räumt ein: „Ich musste an vielen Stellen abstrahieren, vereinfachen und überspitzen, damit es ein gutes Spiel wird.“

So hatte er zuerst für jede politische Partei ein eigenes Reform-Kartenset entworfen. „Wenn die Sozialisten zum Beispiel harte soziale Einschnitte durchgesetzt haben, hat das die Bürger viel unzufriedener gemacht, als wenn es eine konservative Partei getan hätte“, erklärt der Entwickler und lässt den Bezug zur Agenda 2010 durchscheinen. „Allerdings war das alles viel zu komplex und unspielbar.“

Vor zwei Jahren hat er zusammen mit Freunden mit der Entwicklung begonnen, seitdem hat sich viel getan: „In meinem ersten Entwurf hatte ich noch die Namen von echten Staatsbetrieben benutzt. Die kannte aber kein Mensch. Jetzt kann man den Eiffelturm und die Guinness-Brauerei ersteigern. Es ist einfach witziger, wenn man sagen kann: ‘Hey, mir gehört der Eiffelturm.’”

Kaufen kann man „Finanzkrise“ noch nicht, auf der englischsprachigen Brettspiel-Website boardgamegeek.com gibt es jedoch schon die Anleitung (Login erforderlich). Die ersten Prototypen haben Galgor und seine Kollegen mit viel Handarbeit selbst gebastelt. Wer auf dem Laufenden gehalten werden möchte, schreibt einfach eine Mail an doppeldenk-spiele@posteo.de.

Im Frühjahr 2015 will der Doppeldenk-Verlag eine Crowdfunding-Kampagne starten, und im Juni könnte das Spiel im Handel erhältlich sein – „aber alles unter Vorbehalt“, so Entwickler Galgor. „Aber auch wenn es länger dauert, macht das nichts. Das Thema bleibt bestimmt noch eine ganze Zeit lang aktuell.“

Startseite
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Brettspiel „Finanzkrise“ - Wie ich fast ganz Griechenland privatisierte

0 Kommentare zu "Brettspiel „Finanzkrise“: Wie ich fast ganz Griechenland privatisierte"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%