Buchkritik
Welche Medien wirklich untergehen

Medienjournalist Kai-Hinrich Renner und Musikmanager Tim Renner verrennen sich in der Internetrevolution.

DüsseldorfDie Erinnerung ist süß. Damals in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als der heutige Medienjournalist Kai-Hinrich Renner und sein jüngerer Bruder Tim Zeitschriften zerschnippelten, um daraus eigene Magazine zu basteln, oder mit ihrem Kassettenrekorder illegal vom Radio die Hitparaden mitschnitten und daraus ihr eigenes Mixtape produzierten, schien die Medienwelt noch heil. In ihrem Buch mit dem Titel "Digital ist besser. Warum das Abendland auch durch das Internet nicht untergehen wird" erinnern sich die beiden Mittvierziger an ihre mediale Sozialisation auf dem Höhepunkt des analogen Zeitalters.

Und heute? Junge Leute basteln mit Copy & Paste ihre eigenen Blogs oder inszenieren sich musikalisch auf Youtube. Die Digitalisierung, die seit Mitte der neunziger Jahre die Medienwirtschaft und Mediennutzung durcheinanderwirbelt, hat längst jeden Winkel unserer Lebenswirklichkeit erfasst. Eine Gefahr?

Das Buch der Renner-Brüder leidet bedauerlicherweise an einem Kardinalfehler: Es geht davon aus, dass viele Menschen in Deutschland das Internet als gefährlich oder böse ansähen. Das war aber eine Diskussion in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die längst beendet ist. Heute ist das Gegenteil der Fall. Die Nutzer freuen sich über die neuen medialen Freiheiten. Noch nie in der Menschheitsgeschichte gab es so viele Möglichkeiten zu kommunizieren. Der missionarische Feldzug nach dem Motto "Digital ist besser" ist angesichts der weltweiten Zustimmung zur Digitalisierung schlichtweg überflüssig. Die Milliarden von Nutzern im Facebook- und Youtube-Zeitalter haben sich längst rund um den Globus entschieden.

Das schön geschriebene, bisweilen auch selbstironische Buch besteht aus vielen kleinen Artikeln mit bekannten Thesen. Die Autoren, der "Hamburger Abendblatt"-Redakteur Kai-Hinrich Renner und der frühere Deutschlandchef der Musikfirma Universal Tim Renner, beschwören den Untergang des Buchs, der Zeitung, des Fernsehens. "Wenn die Masse Medien macht, machen Massenmedien keinen Sinn", laut ihre griffige, aber falsche These.

Leider ist das Gegenteil der Fall. Ein Blick in die Bilanzen der Medienkonzerne hätte genügt, um die Vermutung zu widerlegen. Beispielsweise brummt das lineare Fernsehen. RTL schüttet gerade eine Rekorddividende aus. Auch Axel Springer erfreut seine Aktionäre mit den guten Geschäften in Print und Internet. Und die US-Medienriesen wie Disney und News Corp. strotzen vor Ertragskraft. Die Medienbranche steht gerade vor einer Renaissance.

Die Renner-Brüder wollen mit ihrem Buch gegen die angeblichen Feinde des Internets wie "Politiker, Boulevardzeitungen und Großfeuilletonisten" anschreiben. Doch gibt es diese Feinde wirklich? Europas größte Zeitung "Bild" profitiert schließlich von der Digitalisierung wie kaum ein zweites Blatt.

Und Verbraucherministerin Ilse Aigner kommt nur ihrem politischen Auftrag nach, wenn sie sich in Sachen Datenschutz mit Google und Facebook kritisch auseinandersetzt. Denn eines ist klar: Die digitale Medienwelt ist nicht besser, sondern nur anders.

Bibliografie:

Kai-Hinrich Renner, Tim Renner

Digital ist besser

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011

246 Seiten, 22 Euro

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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