Buchmesse
Private Verleger dominieren Chinas Bestseller-Markt

Auf der Frankfurter Buchmesse wirbt das Gastland China mit dem Motto "Tradition und Innovation". Der Titel ist Programm, denn der chinesische Buchmarkt wurde in den vergangenen Jahren erheblich privatisiert. Doch auch in den privaten "Kulturfirmen" sind kritische Themen wie das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens nach wie vor tabu.

FRANKFURT. Alles gut durchgeplant hat das chinesische Staatsamt für Presse und Publikationen, GAPP:"Wir wollen auf der Buchmesse 5 000 Jahre Geschichte vom Bambuspapier bis zum E-Book zeigen", sagt Wu Shulin, Vizeminister des GAPP und verantwortlich für den Gastlandauftritt, der nach zehnjährigen Verhandlungen 2007 in Peking besiegelt wurde. Nie zuvor hat sich China so umfassend im Westen präsentiert: Rund 50 Autoren und 600 Künstler kommen nach Frankfurt. Der Künstler Li Jiwei hat auf 1 000 Quadratmetern einen futuristischen Stand konzipiert, der die Geschichte der chinesischen Literatur nach dem Motto des Gastland-Auftritts "Tradition und Innovation" in Szene setzt.

Gut durchgeplant ist auch das Verlagswesen in China. Kein Buchmarkt auf der Welt wächst schneller: 578 staatlich genehmigte Verlagshäuser gibt es nach offiziellen Angaben. 2008 machte die Branche einen Umsatz von umgerechnet 5,5 Mrd. Euro. Pro Jahr erscheinen 136 000 neue Titel, es gibt keine Preisbindung, die Bücher kosten nicht mehr als etwa drei Euro.

Interessanter ist die rasante Entwicklung der mittlerweile rund 10 000 privaten Verlagshäuser, die erst seit 2007 zugelassen werden und sich meist "Kulturfirmen" nennen. "Die privaten Verlage sollen nach den Vorstellungen des Staatsrats künftig eine größere Rolle spielen", sagt Wu Shulin mit Verweis auf neue Gesetze. Die Kulturfirmen müssen allerdings mit den Staatsbetrieben kooperieren, um die zum Druck notwendige Lizenznummer, die ISBN-Nummer, zu erhalten - und dabei wird bei GAPP auch auf den Inhalt der Bücher geschaut. Themen wie Tibet, Falun Gong und das Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 sind tabu. Wird der Inhalt nicht genehmigt, muss der Verlag das Buch einstampfen. Doch auf Umwegen kommt selbst "eingestampfte" Literatur an den Mann - als Raubkopie, angeboten von Straßenhändlern. Verlegerische Freiheit gibt es in China immer noch nicht, aber die "Kulturfirmen" sind erfolgreich: "Sie produzieren 80 Prozent der Bestseller", erklärt die Agentin Veronika Licher.

Dank eines von GAPP finanzierten Übersetzungsprogramms zur Buchmesse ist das Angebot an chinesischer Literatur in Deutschland praktisch von null auf hundert gestiegen. 62 Romane, auch in China verbotene Werke wie Jian Liankes "Der Traum meines Großvaters" und Exilliteratur wie Ma Jians "Peking Koma", 28 Anthologien und zahlreiche Sach-, Kinder- und Reisebücher erscheinen in diesem Jahr.

Immer noch einseitig läuft es zwischen China und Deutschland in puncto Lizenzhandel. Nach den letzten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2007 kauften die Chinesen 585 Lizenzen aus Deutschland, hauptsächlich Lehrbücher und Kinder- und Jugendbücher. Der chinesische Lizenzverkauf nach Deutschland beschränkte sich auf 14 Titel. Das war jedoch vor dem Übersetzungsprogramm. Verleger wie Thomas Schwoerer von Campus machen schon lange gute Geschäfte mit China, "nur das Problem der ISBN-Nummern stört". Ein neues Joint Venture wird heute in Frankfurt besiegelt: Andreas Langenscheidt und Wang Tao, Geschäftsführer von Commercial Press, einem der ältesten chinesischen Verlage, unterzeichnen einen Lizenzvertrag über ein "Bildwörterbuch Chinesisch".

"Man kann China bewundern, fürchten oder kritisieren, aber man kann es nicht ignorieren", sagt Buchmessen-Direktor Juergen Boos zum Auftakt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%