Buchverlag
Manuel Herder - Der fromme Stratege

Manuel Herder, der Verleger des Papstes, führt sein Familienunternehmen mit langfristiger Perspektive. Es ist mit 209 Jahren zwar nicht so alt wie die katholische Kirche, aber dafür Innovationen umso aufgeschlossener. Denn Verkaufserfolge kann das Verlagshaus, das in seiner Geschichte mehrmals pleiteging, gut gebrauchen.
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FREIBURG IM BREISGAU. Die neobarocke Fassade leuchtet in der Schneelandschaft im zarten Toskana-Rot. Zwei mächtige Säulen begrenzen das Portal. „Geist schafft Leben“, ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium, prangt über dem Eingang. Wer die fünf Stufen aus hellgrauem Sandstein hinaufsteigt, betritt einen Palast. Nein, hier residiert nicht der Erzbischof von Freiburg. In dem schlossähnlichen Kasten am Rande der Innenstadt ist der Herder-Verlag seit über einem Jahrhundert zu Hause. Es ist das Bücherreich von Manuel Herder. Der studierte Japanologe führt den vor 209 Jahren gegründeten Verlag in der sechsten Generation. Im Herbst 2000 übergab ihm sein Vater Hermann vor der versammelten Belegschaft symbolisch die Schlüssel.

Herder ist auf Religion, Erziehung und Lebensgestaltung spezialisiert. Dazu kommen Sachbücher. Kaum ein Kardinal, der nicht bei dem Freiburger Familienunternehmen publiziert hätte.

Der berühmteste Mitarbeiter ist Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger. Mit zwei bescheidenen Beiträgen zur „Auferstehung des Fleisches“ und zum „Auferstehungsleib“ im schon damals renommierten Lexikon für Theologie und Kirche begann seine Autorenkarriere bei Herder. Auf diesen Mitarbeiter ist der Verleger stolz. Im oberen Teil seines imposanten Treppenhauses führt der 44-Jährige zum Faksimile des ersten Autorenvertrags Ratzingers. Damals war der Stellvertreter Gottes auf Erden noch ein unbekannter Theologe aus Freising, 28 Jahre alt. Unterzeichnet ist die Urkunde mit einer Pennälerhandschrift. Ratzinger ist Herder lebenslang treu geblieben. 52 Bücher haben sie gemeinsam gemacht.

Herder und der Papst kennen sich seit Jahrzehnten. „Joseph Ratzinger habe ich seit Kindesbeinen erlebt. Mein Vater nahm mich damals schon mit nach München, wo er Kardinal war, und später mit nach Rom“, erinnert sich der gläubige Katholik, der vor dem Mittagsmahl noch ein kurzes Tischgebet spricht. An der engen Beziehung zum mächtigen Mann auf dem Stuhl Petri verdient er gut. Das neue Buch des Papstes „Licht der Welt“, erst seit einer Woche im Handel, ging bereits 130 000 Mal über den Ladentisch. Im Gespräch mit Peter Seewald stellt sich das Oberhaupt der katholischen Kirche mutig kritischen Fragen – über die Krise nach den Missbrauchsskandalen, über notwendige Reformen, über das Verhältnis zu anderen Religionen. Der Papst und damit auch Herder haben mit diesem Buch offenbar wieder einmal den Nerv getroffen.

Verkaufserfolge kann das Verlagshaus, das in seiner Geschichte mehrmals pleiteging, gut gebrauchen. Denn der Buchmarkt ist hart umkämpft. Gerade konzernunabhängige Mittelständler haben es in dem stagnierenden Markt alles andere als einfach. Das weiß der fromme Stratege Manuel Herder. Er denkt nicht in Quartalsabschlüssen, sondern in Dekaden. „Mich fasziniert die Langzeitperspektive des Denkens und Handelns in Japan“, sagt der Unternehmer. Er zieht daraus seine persönliche Konsequenz: „Ich führe das Unternehmen mit einer langfristigen Perspektive.“

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