Bundesweit fünf Anbieter zum Start
Öffnung der Telefon-Netze geht in zweite Runde

Mit fünf bundesweiten Anbietern geht die Öffnung der Telefon-Ortsnetze in die zweite Runde: Ab dem 9. Juli können Kunden auch für Nahgespräche ihren Anschluss dauerhaft auf einen Konkurrenten der Deutschen Telekom umstellen zu lassen. Für Ferngespräche geht das seit Anfang 1998, und seit April dieses Jahres lassen sich Ortsgespräche bereits per Call-by-Call, also mit einer zusätzlichen Vorwahl vor jedem Telefonat, über andere Anbieter führen.

vwd FRANKFURT. Zum Preselection-Start werden rund eine Million Wechselwillige erwartet - und ein Stau beim Umschalten. Mit gravierendem Anteilsschwund der Telekom in ihrer letzten Bastion rechnen Experten nicht.

Mit den Gesellschaften Arcor, 01051, Tele2, Colt und MCI - die teils auch schon Call-by-Call im Ort bieten - ist der Kreis der deutschlandweiten Anbieter im Vergleich zum ersten Liberalisierungsschritt auf der Fernebene vor fünfeinhalb Jahren gering. Das liegt zum einen an den viel höheren technischen Anforderungen, die die Regulierungsbehörde von den Unternehmen verlangt. Zum anderen sind die Gewinnspannen im Ortsnetz viel kleiner als bei Ferngesprächen. Der Anreiz für neue Anbieter ist also niedriger. Anbieter hoffen auf Schub durch „Bündelangebote“

Trotzdem machen sie sich große Hoffnungen. Denn Preselection-Kunden sind ihnen wichtiger als wechselbereite Call-by-Call-Nutzer, die am nächsten Tag schon wieder eine andere Vorwahl probieren. Sie rechnen damit, dass sich ein Großteil der Kunden, die sich schon für Preselection bei Ferngesprächen entschieden haben, auch beim Ortsnetz festlegt. „Alle Preselection-Kunden, die angeschrieben wurden, haben sich auch beim Ortsgespräch für uns entschieden“, sagt Tele2-Manager Roman Schwarz.

Bundesweit gibt es mittlerweile rund fünf Mill. Preselection-Nutzer bei Ferngesprächen. „Nach den Erfahrungen in den Niederlanden rechnen wir damit, dass fast alle auch bei Ortsgesprächen wechseln wollen“, sagt Eva-Maria Schreiter vom Branchenverband VATM. Durch die neuen Möglichkeiten könne es einen Schub für die gesamte Branche geben, denn nun seien „Bündelangebote“ möglich, die Orts- und Ferngespräche sowie Internetzugänge einschließen - unabhängig von der Deutschen Telekom. Jeder könne nun das seinem Telefonverhalten am besten entsprechende Paket heraussuchen.

„Das Angebot insgesamt wird attraktiver“, sagt auch Arcor-Sprecher Thomas Rompczyk. „Bisher war es Stückwerk, jetzt kann man das ganze Gesprächsvolumen zu einem alternativen Anbieter geben“, hebt auch Sabine Grözinger von der Colt Telecom hervor, deren Angebot sich wie das von MCI an Geschäftskunden richtet. Bei einer typischen Arztpraxis etwa sieht Grözinger ein Sparpotenzial von 40 %.

Einen Erfolg wie bei den Ferngesprächen, als die aus dem Boden schießenden Telekom-Konkurrenten insgesamt zwischen 30 und 40 % Marktanteil schafften, erwartet bei den Ortsgesprächen allerdings niemand - weder die Anbieter selbst, noch die Telekom und die Branchenexperten. Zwar sind die Erfahrungen in anderen Ländern Europas für die Anbieter ermutigend - in Italien etwa beträgt der Marktanteil der alternativen Anbieter rund 40 %. Die Telekom hält im Ortsnetz derzeit noch satte 96 %.

Monatelange Verzögerungen erwartet

Aber zum einen gibt es eine technische Hürde. Nicht alle Wechselwilligen können sofort am 9. Juli umgeschaltet werden. Das ist - zum großen Kummer der neuen Anbieter - Aufgabe der Deutschen Telekom, die diese für sie unangenehme Pflicht langsam angehen wird und auf „Kapazitätsrestriktionen“ verwiesen hat. Mittlerweile wird mit rund einer Million Interessenten gerechnet. Werden täglich 10 000 von ihnen umgeschaltet, ist der Stau erst nach einem Vierteljahr abgearbeitet. Neukunden sind dabei noch nicht eingerechnet - sie können den Berg noch größer werden lassen.

Vergeblich hatten die Anbieter auf eine Lösung wie in den Niederlanden gedrängt, bei der alle Preselect-Kunden im Fernverkehr automatisch auch auf das Ortsnetz umgestellt wurden. Die Telekom war nicht interessiert. Insgesamt rechnen Beobachter nicht mit gravierenden Verwerfungen am Markt. Zum einen wird die Telekom mit neuen Tarifen gegensteuern, wie sie aktuell mit Freiminuten und einer Nulltarif-Ausweitung angekündigt wurden. „Ein weiterer Grund ist, dass die Kunden schon jetzt im Ortsnetz zufriedener sind als bei den Ferngesprächen“, sagt Analyst Oliver Pfluger von der WGZ-Bank.

„Es wird schwer, das Monopol anzukratzen“, meint auch Theo Kitz von Merck Finck & Co. Fraglich sei auch, wie lange die neuen Anbieter ihre günstigen Preise durchhalten können, gibt ein weiterer Analyst zu bedenken. Zum Jahresanfang 2004 rechnet er mit einer Konsolidierung. Noch auf Jahre hinaus werde der Marktanteil der Deutschen Telekom am Ortsnetz bei mindestens 90 % liegen. Ein weiterer Beobachter verweist auf die Liberalisierung des Strommarktes: Auch hier hätten sich die hohen Erwartungen neuer Anbieter an die Wechselbereitschaft kaum erfüllt.

Bernd Janke von Mummert Consulting hält die City-Carrier für stärker betroffen, die hohe Summen in den Ausbau eigener lokaler Netze gesteckt hätten. Ihnen würden Kunden entzogen, zudem werde es Druck auf die Preise geben. Die Erfahrungen mit Call-by-Call im Ortsnetz machen die Anbieter jedoch optimistisch, auch wenn sie keine genauen Zahlen nennen wollen. Und ihre niedrigen Tarife wollen Tele2, Arcor und 01051 zunächst beibehalten - ein preistreibender Aufschlag, den sie der Telekom für die Zusammenschaltung der Netze zahlen sollten, entfällt auf Gerichtsbeschluss vorerst.

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