Charlie Hebdo „Im Paradies schnappen sie uns die Jungfrauen weg“

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Die Attentäter auf der Couch

„Es tut mir leid, wir haben ihn wieder abgebildet“

Die innere Doppelseite der Ausgabe (siehe Abbildung) verarbeitet voller Ironie und mit hohem Säuregehalt die Demonstration vom vergangenen Wochenende und die Teilnahme der rund 50 Staats- und Regierungschefs. „In einem Bus sitzt Netanjahu, dessen psychorigide Schnauze eines Folterknechts Charb so gerne zeichnete“. Eine Spalte links zieht „die erste Bilanz der Tage danach“, unter Positiv wird Madonna verbucht, die ihren Slip spende, unter Negativ Merkel, die stottert „Ich bin Nein tragen Unterhose“. Und negativ vermerkt wird auch, „dass wir Premier Valls die Hand schütteln müssen“.

Ein langer Artikel des ebenfalls am 7.Januar ermordeten Kolumnisten Bernard Maris, „Oncle Bernard“, der Mitglied im Aufsichtsrat der Banque de France war, erläutert die politische Linie der Zeitung: „Politisch zu sein bedeutet für Charlie nicht, etwas zu deklamieren, sondern zu fragen, warum das Leben nicht so ist, wie wir es erträumen – poetisch, friedlich, intelligent, argumentativ, spekulativ, widersprüchlich.“

Nicht allen Autoren gelingt es, ihren Schmerz zu überwinden, was auch ein Wunder wäre. Patrick Pelloux, der Notarzt und Charlie-Kolumnist, beklagt sich über sein Handy: „Ich habe einen tollen Vertrag, aber Charb (der ermordete Chefredakteur) kann mich nicht erreichen, dabei sind wir zum Essen verabredet... Und Mustapha (Ourrad, der erschossene Korrektor) ist auch aus meinem Handy verschwunden, meine Schreibfehler werden nicht mehr ausgebügelt!“ Er werde „die neuen Technologien auf den Mond schießen“, endet Pelloux. 

Eindrucksvoll, wie es der Redaktion trotz des Schmerzes und der Trauer gelingt, sich sogar über die beiden brutalen Gewalttäter lustig zu machen, die am 7. Januar in die Redaktion eindrangen. In einer Art Hommage an die erschossene Psychologin Elsa Cayat wird in einem Comic einer der beiden maskierten Kouachi-Brüder auf die Couch gelegt. „Ich habe geträumt, ich hätte sie alle wie die Enten abgeknallt“, sagt er. „Enten? Abknallen? Sind sie eher Fan vom ‚Canard Enchainé?“, fragt die Psychologin. „Ich habe geschrien: Wir erschießen alle, nur den Frauen ersparen wir dieses Schicksal“, fährt der Terrorist fort. „Sparen, Frauen – war ihre Mutter bei der Sparkasse?“ wundert sich die Seelenklempnerin und bittet den Verbrecher, seine Phantasien zu malen. „Sie zeichnen wirklich beschissen, damit werden sie bei Charlie Hebdo nicht so schnell reinkommen“, fertigt sie ihn ab.

Auf den 16 Seiten findet man viele bislang unveröffentlichte Zeichnungen der ermordeten Karikaturisten Honoré, Charb, Cabu, Tognous, Wolinski. Abgesehen von der Empörung über den Terrorakt stellt man spontan fest: Sie waren einfach gut. Was für ein absurder Verlust!

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2 Kommentare zu "Charlie Hebdo: „Im Paradies schnappen sie uns die Jungfrauen weg“"

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  • Charlie Hebdo ist anarchistisch-trozkistisch, libertär, antiklerikal, atheistisch und französisch durch und durch in der Tradition von 1789.

    Ins "Pardies" kommen die Dahingeschiedenen also kaum, weder ins Paradies des Propheten noch ins "christliche", wenn sie nicht maustot sind ohne Restbestände, was immerhin möglich ist, werden sie auf der Wolke der Großsatiriker landen, wo sich Jonathan Swift und Honore Daumier amüsieren, allerdings wohl eher in dienender Position.

    Ob´s da knackige Jungfrauen gibt, sei einmal dahin gestellt.lol

  • Die sind ja wirklich gut - besser als gedacht.
    Vielleicht ein wenig zu links, aber das sei verziehen, denn wie sonst soll das Ganze denn noch richtig morbide wirken.

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