
DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Der ehemalige „Spiegel“–Chefredakteur Stefan Aust ist am Ziel. Er übernimmt zusammen mit dem Management den Nachrichten- und Dokumentationskanal N 24 vom Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1. Aust hält zusammen mit dem N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann 52 Prozent der Anteile. Die restlichen Anteile werden vier N24-Manager halten.
N 24 steht damit vor einem Neuanfang. „Meine Aufgabe wird es vor allem sein, mich ab sofort um zusätzliche Aufträge für neue Reportagen und Dokumentationen zu kümmern, die der neuen Unternehmensgruppe zugute kommen und zusätzliche Beschäftigung sichern“, sagte Aust am Mittwoch.
Der ehemalige „Spiegel“-Chef will mit dem Nachrichtensender im Hintergrund nun sein ursprünglich von der WAZ-Gruppe in Auftrag gegebenes Magazinprojekt „Die Woche“ wieder beleben. „Wir haben jetzt eine Basis, das Projekt zügig auf den Weg zu bringen“, sagte Aust. Genauere Angaben machte der Hamburger Medienunternehmer nicht. Die WAZ, aber auch Axel Springer hatten sich vor wenigen gegen das ehrgeizie Projekt „Woche“ entschieden.
Pro Sieben Sat verkauft 1 nicht nur den Nachrichtensender N 24, sondern auch die Produktionsgesellschaft Maz & More. Nach Unternehmensangaben entsteht damit der größte unabhängige Fernsehinformations-Produzent Deutschlands. Laut Rossmann sollen 72 Stellen gestrichen werden. Bislang gibt es 239 Arbeitsplätze, davon 141 beim Sender.
Mit Aufträgen ist N 24 erst einmal dank des umfangreiches Vertrags gut versorgt. Teil des Kaufvertrags ist eine bis Ende 2016 laufender Vertrag, der den neuen Eigentümer die Lieferung sämtlicher Nachrichten für Sat 1, Pro Sieben und Kabel 1 garantiert. Auch das Frühstücksfernsehen auf Sat 1 und das Sat 1-Magazin wird von den neuen Eigner bis mindestens Mitte 2014 geliefert. Außerdem wird ein neues Magazin für Sat 1 entwickelt.
„Durch langjährige Verträge bietet Pro Sieben Sat 1 ihnen die notwendige Stabilität, damit N24 Media sich in Berlin als neuer unabhängiger Informations-Dienstleister etablieren kann“, sagte Thomas Ebeling, Vorstandschef von Pro Sieben Sat 1. „Das Team um Torsten Rossmann und Stefan Aust steht für erstklassige Nachrichten.“ Allerdings müssen die neuen Eigner künftig mit der Hälfte des Budgets auskommen.
Nach Unternehmensangaben erhält N 24 nur noch pro Jahr rund 30 Mio. Euro als Nachrichtenlieferant. Chefredakteur und Anchorman Peter Limbourg bleibt bei Pro Sieben Sat 1. Er wird die Zulieferungen qualitativ kontrollieren. Außerdem moderiert der populäre Journalist weiter die Nachrichtensendung von Sat 1.
Wie es mit der Werbevermarktung von N 24 weiter geht, steht in den Sternen. Der Vertrag mit der Werbetochter von Pro Sieben Sat 1 läuft laut Rossmann Ende des Jahres aus. Ob sich N 24 alleine vermarktet oder einen anderen Werbevermarkter anschließt, ist noch nicht entschieden. Die Werbeerlöse sind für die wirtschaftliche Zukunft von höchster Bedeutung. Insider erwarten eine Entscheidung bereits in den nächsten Monaten.
Mit dem Verkauf von N 24 ist Pro Sieben Sat 1, Deutschlands größte Sendergruppe, ein Sorgenkind los. Denn mit Nachrichten lässt sich im deutschen Fernsehen kein Geld verdienen. Mit der Abtrennung von N 24 aus dem TV-Konzern entstehen für Pro Sieben Sat 1 Group nach eigenen Angaben Kosten in Höhe von bis zu 41 Mio Euro. Für Abschreibungen kommen voraussichtlich weitere zwölf Mio Euro hinzu.
Unterm Strich rechnet Vorstandschef Ebeling durch den Verkauf von N 24 mit einer Verbesserung des bereinigten Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) ab nächstem Jahr von über 25 Mio Euro. Zuletzt hatte Pro Sieben Sat 1 nach Angaben von Eberling Verluste im Nachrichtengeschäft von 50 Mio. Euro gemacht. Die Transaktion wird sich aber auch bereits in diesem Jahr positiv auswirken, sagte der Vorstandschef.
Die Börse reagierte aber auf die Transaktion negativ. Die Aktie des Fernsehkonzern sank am Nachmittag um 3,28 Prozent auf 12,37 Euro. Der Verkauf an Aust und dem N 24-Management kam überraschend. Die anderen Mitbieter wurde bis zuletzt von Pro Sieben im Unklaren gelassen.
Der russische Investor Dmitrij Lewnewski hatte sich bis zuletzt große Hoffnungen gemacht, zum Zuge zu kommen. Der gelernte Journalist hatte ein Angebot vorgelegt, in dem er den Erhalt aller Arbeitsplätze garantiert hatte. Um mit N 24 Geld zu verdienen, wollte der 40-Jährige neue Geschäftsfelder erschließen.
Der Unternehmer hatte sich zudem mit Jürgen Doetz einen Ex-Vorstand von Pro Sieben Sat 1 als Berater an die Seite geholt. Doetz gilt als einer der besten Kenner der deutschen Medienlandschaft, ist Präsident des Verbandes der privaten Rundfunkanbieter VPRT und in der Branche ausgezeichnet vernetzt. Auch Doetz war bis kurz vor der Entscheidung zuversichtlich, dass Lewnewski den Zuschlag bekommen würde.
Doch alle Bemühungen waren umsonst. Brancheninsider in München sprechen denn auch von einem merkwürdigen Verkaufsprozedere. So sei völlig unklar, ob die Offerten von Lewnewski, sowie anderer Bieter wie dem Münchener Filmproduzenten und Rechtehändler Jan Mojto, überhaupt eine reelle Chance gehabt haben.
Multimillionär Lewnewski hat zuletzt den Spartenkanal „Das Vierte“ verkauft und dabei ordentlich Geld verdient. Laut Brancheninformationen soll er 60 Mio. Euro kassiert haben, nachdem er den Münchener Sender 2008 für 13 Mio. Euro übernommen hatte. Dennoch will Lewnewski die Flinte jetzt nicht ins Korn werfen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt kündigte er an, nach weiteren Investitionsmöglichkeiten in der deutschen Wirtschaft Ausschau zu halten.