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„Das Supertalent“: Die dunklen Seiten der RTL-Glitzer-Show

exklusivDie Casting-Show „Das Supertalent“ war auch in diesem Jahr wieder ein Quotenhit für den Privatsender RTL. Wer hinter die Kulissen schaut, findet Seelen-Striptease und Hinweise auf Knebelverträge und Manipulationen.

von Stephan Dörner und Christoph Alberto Hardt
Panflötenspieler Leo Rojas beim Finale von „Supertalent 2011“. Quelle: dapd
Panflötenspieler Leo Rojas beim Finale von „Supertalent 2011“. Quelle: dapd

Köln/DüsseldorfVor kurzem spielte er noch für kleines Geld in deutschen Fußgängerzonen, jetzt ist der 27-jährige Leo Rojas aus Ecuador das „Supertalent 2011“ und um 100.000 Euro reicher. Von dem Preisgeld will der Sieger seiner Familie in Südamerika ein kleines Haus bauen. Erstmals seit sieben Jahren hatte er seine Mutter im Halbfinale wieder in die Arme schließen können - RTL hatte Flugtickets gesponsert. Das ist die rührende Weihnachtsgeschichte, die Grundy Light Entertainment mit seiner RTL-Show „Das Supertalent“ – nach Senderauskunft der „Höhepunkt des RTL-Fernsehjahres“ – diesmal erzählt. Die Sendung, so Supertalent-Juror Dieter Bohlen, sei „gerade dafür da, den Leuten eine zweite Chance zu geben“.

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Kandidaten fühlen sich erniedrigt

Auch dieses Jahr konnte die Mischung aus Talent- und Freak-Show im Schnitt rund 6,7 Millionen Zuschauer vor die Fernseher locken. 2010 wurde „Das Supertalent“ mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Doch der Erfolg hat auch eine knallharte Kehrseite. Offensichtlich werden bei der Sendung nämlich auch solche Kandidaten in den Vorrunden-Castings ohne Publikum durchgewunken, die kaum als Supertalent durchgehen – um dann vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern bloßgestellt zu werden.

Ähnlich wie die RTL-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ lebt auch das „Supertalent“ zu wesentlichen Teilen von der Erniedrigung der Kandidaten und der Schadenfreude der Zuschauer darüber. Darauf angesprochen, dass auch Kandidaten vor die Jury treten dürfen, die offensichtlich kein Supertalent sind, teilt RTL mit, nicht nur „überraschende“ und „berührende“, sondern auch „ungewöhnliche“ Auftritte zu zeigen.

Panflötenspieler Leo Rojas mit seiner Mutter - die rührende Weihnachtsgeschichte, die RTL diesmal beim „Supertalent“ erzählt. Quelle: dapd
Panflötenspieler Leo Rojas mit seiner Mutter - die rührende Weihnachtsgeschichte, die RTL diesmal beim „Supertalent“ erzählt. Quelle: dapd

Ein Blick hinter die Kulissen der Glitzer-Show bestätigt den Eindruck, dass den „Supertalent“-Produzenten das Wohl der Kandidaten offenbar kein Anliegen ist. Mehrere Kandidaten berichten übereinstimmend, dass Szenen zusammengeschnitten wurden, sodass sie sich bloßgestellt fühlten. Sätze würden aus dem Zusammenhang gerissen, Aussagen zu Fragen geschnitten, die in einem völlig anderen Kontext gestellt wurden. RTL bestreitet die Vorwürfe. Interviews würden lediglich auf ihre „wesentlichen Aussagen reduziert“, heißt es aus Köln.

Die Schmach der Kandidaten ist offenbar ein Grundpfeiler des Konzepts der Show. Mehrere Kandidaten berichten Handelsblatt Online, dass genau die Aussagen oder Handlungen von Dieter Bohlen und Co kommentiert worden seien, zu denen die Produktionsleitung die Kandidaten zuvor animiert hatte.  Kandidaten berichten von „verhörähnlichen Situationen“ im Vorfeld der Show, in denen sie über intime Details. beispielsweise über ihr Sexualleben, ausgefragt werden. „Sind Sie noch Jungfrau?“ Wer darauf keine Antwort geben will, wird darauf verwiesen, dass Superstars nun mal über ihr Sexualleben reden würden.

Grundy erklärte dazu, was mancher Kandidat als "verhörähnliche Situationen" empfinden mag, seien schlicht und ergreifend Interviews zur Person. „Dazu zählen Fragen ebenso wie Nachfragen. Dabei ergeben sich die Fragen des jeweiligen Interviews jeweils aus dem Zusammenhang“. Darüber hinaus spiele der Themenbereich Sexualität keine besondere Rolle, wie man an den ausgestrahlten Bildern und Geschichten unschwer erkennen könne.

„Supertalent“-Juror Dieter Bohlen. Quelle: dpa
„Supertalent“-Juror Dieter Bohlen. Quelle: dpa

Casting-Teilnehmer, die der Lächerlichkeit preisgegeben werden sollen, werden nach Angaben von Teilnehmern von den beiden Moderatoren Marco Schreyl und Daniel Hartwich mit Kamera-Team im Schlepptau belagert. Schreyl und Hartwich versuchten, die Kandidaten in verfängliche Gespräche zu verwickeln, heißt es. Sie gäben ihnen angeblich gut gemeinte Tipps, um sie beim späteren Auftritt zu einem besonders peinlichen Verhalten anzustiften. In den Vorcastings werden besonders schlechte Kandidaten den Angaben zufolge ermutigt, auf jeden Fall weiterzumachen. Die Jury gäbe ihnen dabei das Gefühl, einen besonders guten Auftritt hingelegt zu haben.

RTL verpasst Kandidaten Maulkorb

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Sprechen dürfen die Kandidaten über all das nicht. In einem Vertrag, der Handelsblatt Online vorliegt, heißt es, alle Informationen rund um die Produktion der Sendung seien „streng vertraulich“ zu behandeln. „Jegliche Presseaktivitäten, insbesondere Interviews, sind nur nach vorheriger Absprache mit dem Produzenten oder RTL gestattet.“ Die Teilnehmer verpflichten sich selbst bis drei Monate nach der Ausstrahlung, jede Presseanfrage abzublocken – und an die Pressestelle von Grundy Light Entertainment zu verweisen. Grundy Light Entertainment sagt dazu: „Die Verschwiegenheitsverpflichtung ist Standard in allen Mitwirkendenverträgen bei TV-Produktionen genauso wie in vielen Arbeitsverträgen.“

Daniel Hartwich (li.) und Marco Schreyl moderieren „Das Supertalent“. Quelle: RTL
Daniel Hartwich (li.) und Marco Schreyl moderieren „Das Supertalent“. Quelle: RTL

Dieser Punkt ist dem Kölner Sender offenbar besonders wichtig. In einem separaten Hinweis zum „Umgang mit der Presse“ weist RTL noch einmal explizit auf den „Passus über eure Verschwiegenheit und den Umgang mit der Presse“ hin. Falls sich ein Journalist bei dem Kandidaten meldet, wird dieser zur Lüge aufgefordert: „Kündigt euren schnellstmöglichen Rückruf an, da ihr derzeit aus Zeitgründen nicht sprechen könnt.“ Statt zurückzurufen soll der Kandidat dann aber den Namen des Journalisten samt Medium den Produzenten melden. RTL verweist darauf, dass die „unerfahrenen Talente“ in der Pressearbeit lediglich beraten würden. „Für Presseanfragen sind auch beim Supertalent zunächst entsprechende Presseabteilungen von Sender oder Produktion zuständig, die Gespräche mit Kandidaten dann vermitteln.“

Vertrag in „großem Umfang unzulässig“

Für deutlich zu weitgehend hält diesen Passus der Düsseldorfer Medienanwalt Michael Terhaag von der Kanzlei Terhaag & Partner. Der gesamte Vertrag, den die Kandidaten unterschreiben müssten, sei ohnehin „in großen Umfang unzulässig“. Der Grund: Da der Vertrag massenhaft abgeschlossen wird, habe er den Charakter von Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Diese dürfen dem Anwalt zufolge nach deutschem Recht keine überraschenden oder ungewöhnlichen Bestimmungen enthalten.

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„Es ist nachvollziehbar, dass RTL verhindern will, dass beispielsweise der Name des Gewinners der Show vor der Ausstrahlung bekannt wird. Ein derartiger umfassendes generelles Verbot über die Sendung zu reden, das auch noch drei Monate nach Ausstrahlung der Sendung wirksam sein soll, geht aber deutlich zu weit“, stellt Terhaag klar.

Aufforderung zum Seelen-Striptease

Für die Betonung der Verschwiegenheit der Kandidaten hat RTL gute Gründe: Was sich hinter den Kulissen abspielt, ist unrühmlich für einen der größten deutschen Privatsender. Zunächst werden die Kandidaten systematisch auf Schwächen und dunkle Punkte in ihrer Vergangenheit durchleuchtet.

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Bevor ein Kandidat vor die erste Jury treten darf, muss er den Produzenten zunächst intimste Einsichten in sein Leben offenbaren. In einem Fragebogen, der Handelsblatt Online vorliegt, geht es nach harmlosen Fragen wie „Was sind Deine Lieblingssongs?“ richtig zur Sache: „Mit welchem Schicksalsschlag hast du gelernt zu leben?“, „Gibt es Personen, mit denen du ernsthaft zerstritten bist?“, „Warst du schon einmal in einer Außenseiterposition?“

In einem Teil, den die Produzenten „Vertragsauskunft“ nennen, wird es dann richtig persönlich. „Sind Sie vorbestraft? Sind nach Ihrer Kenntnis strafrechtliche Ermittlungen oder Verfahren gegen Sie anhängig? Haben Sie jemals einen Insolvenzantrag gestellt?“

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Adresse und Telefonnummer des Arbeitgebers sollen die Casting-Teilnehmer ohnehin angeben. Selbst Medienanwalt Terhaag, der bereits zahlreiche Mandanten im Rechtsstreit mit Medien vertreten hat, zeigt sich überrascht: „Da wird Wahnsinniges abgefragt.“ RTL verweist in einer Stellungnahme darauf, dass die Informationen in keiner Sendung verwendet worden seien.

Am Ende hat das, was der Zuschauer im Fernsehen zu sehen bekommt, nur sehr wenig damit zu tun, was sich vor Ort abgespielt hat. Die Show ist eine riesige Inszenierung. So werden Fan-Schilder im Publikum verteilt. „Wer möchte „Dieter Superstar“, wer „Sven ist ein Supertalent“ oder „Leo we love you“ während der Show hochhalten?“, wird die tobende Menge gefragt, wie ein Blogger berichtet, der eine der Shows besuchte. Auch die Reaktionen der Zuschauer werden zu großen Teilen vom Sender bestimmt. Wann das Publikum klatschen, buhen, sich umdrehen und die Daumen nach unten halten soll – all das gibt ein Animateur vor.

Was dennoch nicht passt, wird im Schnitt passend gemacht. Die Reaktionen der Zuschauer werden dabei auch aus dem Kontext gerissen. Eine Zuschauerin berichtet im Gespräch mit Handelsblatt Online, dass eine Aufnahme, die sie lachend zeigt, zu mehreren Auftritten montiert wurde, bei denen sie gar nicht anwesend war. Somit entsteht der Eindruck, die Zuschauerin lache die Kandidaten aus. Dass RTL all das mit den Aufnahmen des Publikums machen darf, lässt sich der Sender in gesonderten „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ zusichern, welche die Zuschauer unterschreiben müssen. RTL gibt auf Anfrage nur an, bei Schnitten würde darauf geachtet, dass „die Reaktion des Publikums nicht verfälscht würde“.

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Kandidaten bekommen kein Geld

Geld gibt es den Handelsblatt Online vorliegenden Verträgen zufolge für die Strapazen der Casting-Kandidaten nicht, selbst wenn der Beitrag ausgestrahlt wird. Grundy Light Entertainment sagt: „Das Supertalent ist ein Talentwettbewerb, an dessen Ende das Preisgeld von 100.000 Euro steht. Zudem beschert es vielen Talenten eine Öffentlichkeit, die sie sonst nie bekommen hätten. Die Anfrage nach Auftritten und Engagements nimmt erfahrungsgemäß um ein Vielfaches zu.  Die Teilnahme ist freiwillig und die Tatsache, dass man keine Gage bekommt, bekannt.“

Gerade weil die Kandidaten keine Gage bekommen, hält Medienanwalt Terhaag die Verträge auch für wirkungslos. „Im Zweifel hätte ein Kandidat, der die Ausstrahlung per einstweiliger Verfügung unterbinden will, gute Chancen“, glaubt der Anwalt. Allerdings seien derartige Verträge in der Branche durchaus üblich. „Man versucht mal, ob man damit durchkommt.“ Grundy sagt dazu, die Verträge seien „Standard bei allen TV-Produktionen dieses Genres“.

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Selbst wenn die Verträge sittenwidrig sein sollten, viel passieren kann RTL und Grundy dabei nicht. Im schlimmsten Fall verhindert einer der Casting-Kandidaten die Ausstrahlung seines Beitrags. „Die wissen genau, was sie tun“, sagt Terhaag. So oder so: Die Casting-Maschinerie läuft weiter.

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  • 04.01.2012, 12:33 UhrTVDackel

    einen gewissen Unterhaltungswert kann man dem Format nicht absprechen,die Jury ist auch einigenmassen anständig i9n den offiziellen Ausstrahlungen,
    aber als Show von A bis Z durchgestylt und inszeniert,
    und diese angebliche Moderatoren Hartwichs und Schrei sind einfach nur Clowns die für Geld alles machen würden, passen somit gut zur Sendung und zum Sender, der schlechteste und zugleich erfolgreichste Sender des armen Deutschlands...
    Man hofft das wenigstens der Gewinner sein Preisgeld in Bar bekommt und nicht als Gutschein...

  • 04.01.2012, 10:20 UhrEuroTanic

    Es ist in unserer neokapitalistischen Gesellschaft überall auf der Welt das selbe. Anstatt alle Menschen glücklich zu machen und ihre Bedürfnisse nach Essen, Wohnung soziale Absicherung und Freiheit zu befriedigen, werden Glückspielsystem mit viel Geld und Tamtam installiert, die dem gebeutelten und ausgebeuteten Massen suggerieren: "Du kannst es auch schaffen.". Aber in diesem System kann zwar (theoretisch) jeder "reich", werden, aber halt nicht alle. Und das ist falsch. Unsere Erde hat genug Ressourcen um 12 Milliarden Menschen und mehr zu ernähren. Aber nicht im System der selbsternannten Superreichen.

  • 04.01.2012, 00:45 Uhrchris

    @ 0815: Es müsste meiner Meinung nach wahrscheinlich bezahlte Darsteller welche die Sendung durch skurrile Auftritte aufwerten, wie z.B. der Kunstfruzer, der dicke von Eis am Stil, Zachi Noy und aus der letzten Folge der Typ mit der extrem dehnbaren Haut, Garry Turner. Dies sind alles Personen die schon Professionell mit Auftritten ihr Geld verdienen und ich glaube nicht, dass diese für Umsonst auftreten nur um weitere Auftritte in Deutschland zu promoten.
    Desweiteren wird im Artikel immer wieder das Wort Show genutzt. So sollte man dieses Format auch sehen. Es ist eine sinnlose Unterhaltungsillusion, welche leider auf den Rücken der teilnehmenden Personen ausgetragen wird. Von Außen kann man leider nicht einwirken, da eine Medienaufsicht nicht einschreitet, genauso wie bei allen anderen Casting Shows und Bauer Kuppel Shows. Am Ende bleibt nur ein medienkritischer Artikel den man schon gefühlt, so in der Form, schon des öfteren gelesen hat.

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