Datenklau-Prozess
SAP wird zu Milliardenstrafe verdonnert

Im Prozess um Softwarediebstahl muss SAP dem US-Rivalen Oracle 1,3 Milliarden Dollar zahlen. Diese Rekordsumme setzte eine US-Jury in dem mit Spannung verfolgten Mammutverfahren fest. Oracle hatte SAP auf Schadenersatz verklagt, da eine in Texas ansässige SAP-Tochter unerlaubt Softwarecodes von Oracle-Computern herunterlud.
  • 6

HB/ebe SAN FRANCISCO. Das Urteil gegen SAP ist ein Paukenschlag: Nie zuvor hat eine Jury eine derart hohe Strafe in einem Fall von Urheberrecht verhängt, zeigen Daten der Nachrichtenagentur Bloomberg. SAP hatte den Rechtsverstoß zugegeben und sich dafür entschuldigt. „Es tut mir leid“, sagte Co-Konzernchef Bill McDermott als Zeuge vor Gericht. Die Walldorfer Firma habe die Zügel bei der US-Tochter TomorrowNow schleifen lassen.

Der Software-Konzern hielt in dem Prozess jedoch allenfalls eine Schadenersatzzahlung in Höhe von rund 40 Millionen Dollar für angemessen, während Oracle die entstandenen Schäden auf mehrere Milliarden Dollar beziffert hatte. Nach Abschluss des Zivilprozesses ist das letzte Wort in dem Fall womöglich noch nicht gesprochen, da auch die Strafverfolgungsbehörden in den USA den Datendiebstahl noch unter die Lupe nehmen könnten. Ein Sprecher von SAP zeigte sich nach Bekanntgabe des Urteils enttäuscht und sagte, das Unternehmen werde seine Optionen prüfen. Dies schließe ein mögliches Berufungsverfahren ein.

Eine achtköpfige Jury urteilte über den Rechtsverstoß am Tag nach den Abschluss-Statements beider Firmen in einem Bezirksgericht in Oakland, Kalifornien. Oracle-Anwalt David Boies hatte dabei argumentiert, dass SAP seinem US-Rivalen aus Redwood Shores, Kalifornien, zwischen 288 Millionen Dollar und drei Milliarden Dollar schulde. Robert Mittelstaedt, der auf Gegenseite SAP vertritt, hielt eine Zahlung zwischen 28 und 41 Millionen Dollar für angemessen. Mit dem Urteil sei "der Wert des von SAP gestohlenen geistigen Eigentums" erkennbar, sagte ein weiterer Oracle-Anwalt, Geoffrey Howard, nach der Entscheidung.

Oracle-Gründer und Vorstandschef Larry Ellison hatte das Gerichtsverfahren über Wochen in ein medienwirksames Theater vor der eigenen Haustür verwandelt, um den Ruf von SAP in den USA zu beschädigen - und den von SAPs früherem Chef Leo Apotheker gleich mit. Er wollte beweisen, dass Apotheker von dem Datenklau wusste, ihn jedoch monatelang geduldet haben soll. Bei seinem Auftritt vor Gericht Mitte November blieb er die Beweise jedoch schuldig. Ellison habe Zahlen „aus der Luft gegriffen“, als er schätzte, dass SAP seinem Unternehmen Milliarden schuldet, sagten die Anwälte der Deutschen. An einem Punkt hatte er sogar vier Milliarden Dollar von SAP gefordert – eine Zahl, die selbst von Oracles eigenen Experten als zu hoch eingeschätzt worden sei. Ellison „hat die Zahl einfach genannt. „Als ob Sie es glauben müssten, nur weil er es sagt“, sagte SAP-Anwalt Robert Mittelstaedt der Jury in seinem Abschluss-Statement.

Oracle hatte wochenlang vergeblich versucht, Leo Apotheker in den Zeugenstand zu rufen. Apotheker begann am 1. November sein Amt als Vorstandschef bei Oracles Konkurrenten Hewlett-Packard. Genau am gleichen Tag begann auch der Prozess im kalifornischen Oakland. Einem Medienbericht zufolge soll Ellison sogar private Ermittler auf Apotheker angesetzt haben. Der frühere SAP-Chef hatte am Montag seinen ersten öffentlichen Auftritt, als der die Quartalszahlen von HP vorstellte.

Auslöser für die Oracle-Klage war die Softwarefirma TomorrowNow, ein kleines Unternehmen aus Texas. SAP hatte den auf die Wartung von Software spezialisierten Dienstleister Anfang 2005 für zehn Millionen Dollar gekauft, um Oracle nach dessen Übernahme von PeopleSoft möglichst viele lukrative Firmenkunden abspenstig zu machen. SAP und TomorrowNow lockten verunsicherte Nutzer von PeopleSoft mit Dumping-Angeboten für Software-Wartung. Letztlich sollten die Kunden mit hohen Rabatten ins SAP-Lager wechseln. TomorrowNow schoss aber deutlich über das Ziel hinaus, wie SAP später - nach anfänglichen Dementis - einräumte. Denn im Rahmen der Wartungstätigkeit für gut 200 Kunden kam es durch TomorrowNow-Mitarbeiter zu umfangreichen und unzulässigen Datentransfers von Oracle-Rechnern, was der US-Konzern als Software-Diebstahl, Spionage und Betrug im großen Stil wertete und im Frühjahr 2007 Klage erhob. Im Jahr darauf wurde TomorrowNow geschlossen. SAP bestritt die eigene Verantwortung nicht, hielt die Schadensschätzungen von Oracle aber für "stark übertrieben", wie aus einem Schriftsatz der Anwälte des Unternehmens hervorgeht. SAP hat für den Prozess bisher nur 160 Millionen Dollar zurückgestellt.

Kommentare zu " Datenklau-Prozess: SAP wird zu Milliardenstrafe verdonnert"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Jedes poplige US Gericht kann also einen deutschen Konzern zu einer "Strafe" in Milliardenhöhe verurteilen? Schöne Zustände sind das! Wenn es nicht um Geld geht, sondern um Gerechtigkeit warum klagt man dann nicht in Deutschland?
    Ganz einfach, weil hier Recht gesprochen wird, und weil es hier keine absurd hohen Strafen gibt, und die Außergerichtlichen Vergleiche, auf die dort so viel Wert gelegt wird, nicht so viel Geld einbringen!
    ist denn schon jemals eine Klage eines deutschen Unternehmens in den USA zu deutschen Gunsten entschieden worden?
    Außerdem nehmen es sich die USA heraus sogar Staaten, nur weil sie mit den USA Geschäfte machen zu verklagen! Wo gibts denn sowas?
    Also liebe Staaten , liebe Firmen, Finger weg von den USA!!!!

  • Zu welchen Strafzahlungen werden die USA verdonnert,die z.b. in Garching den gesamten elektonischen Verkehr der europäischen Unternehmen scannen und diese informationen ihrer nationalen industrie zuspielen.Die USJustiz ist die einer bananenrepublik,Rechtssicherheit ist nicht gegeben,wenn es gegen ausländische interessen geht.

  • Das Urteil wird sich herumsprechen. investieren in den US Markt kann ziemlich teuer werden, und es sollten gleich mal Rückstellungen für etwaige kuriose Gerichtsurteile gebildet werden.
    Man könnte natürlich auch übertreiben und sagen, dass in den USA Zustände einkehren, die langsam aber sicher denen in Entwicklungsländern gleichen , nämlich Fehlen von Rechtsstaatlichkeit und eine grosse Volksmasse, welche arm ist und nichts zu beissen hat, fehlende Sozialsicherungsnetze und eine ungleiche Vermögensverteilung. Vom inneramerikanischen Konsum ist z Zt eh nichts zu erwarten.
    Unternehmen sollten sich also in Zukunft gut überlegen, ob sie in den USA tätig sein wollen.Sie sind vielleicht in Ländern wie indien oder China, brasilien besser aufgehoben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%