Datenschutz
Mein Blick in die Kristallkugel

Der große Protest der Deutschen gegen die Ausspähung ihrer Daten blieb aus. Dabei kann anhand des Internet-Nutzungsverhaltens längst ein detailliertes Persönlichkeitsbild erstellt werden, wie ein Selbstversuch zeigt.
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DüsseldorfIch habe viel zu verbergen. Was genau, ahne ich noch nicht einmal.  Andere haben da einen besseren Überblick:  Computerprogramme, die gewissenhaft meine Daten im Internet auswerten und Theorien über mich entwickeln. Sie versuchen mein Verhalten zu deuten und meine Zukunft vorherzusagen. Können sie das wirklich? Das testete ich in einem Selbstversuch.

Immersion – Google ins Netz gegangen

„Immersion“  ist ein Projekt  der US-Hochschule Massachusetts Institute of Technology. Erlaubt man dem Programm den  Zugriff auf das eigene Gmail-Konto, wertet es die dort gespeicherten Daten aus. Das Ergebnis ist eine Grafik, in der ein Nutzer nachverfolgen kann, wie viele Kontakte er gesammelt hat und wem er wann wie oft eine E-Mail geschrieben hat. Nicht die Inhalte der Mails sind für „Immersion“ relevant, sondern die Frage, wie gut jemand vernetzt ist. Informatikstudenten haben das Programm entwickelt, um zu zeigen, was alles möglich ist. „Immersion“ sei in erster Linie Kunst und diene der Selbstreflektion, sagen die Macher. Von einem kommerziellen Zweck des Programms sprechen sie nicht.

Bei jeder Cursorbewegung blubbern  verschieden große und bunte Blasen über meinen Bildschirm. Denn ich habe gerade mein Gmail-Konto an „Immersion“ verfüttert. Die vernetzten Kreise zeigen mein Sozialleben. Oder zumindest wie oft ich mit welchen Personen in den vergangenen dreieinhalb Jahren per Mail in Kontakt stand. Jeder Kreis stellt eine Person dar. Manche der Kreise sind mit anderen verknüpft, andere stehen einsam am Rand.

Ich klicke auf den Kreis, an dem der Name einer guten Freundin steht. Das Bild verändert sich. Julia (alle Namen geändert) ist jetzt in der Mitte, von ihrem Kreis gehen 23 Verbindungen zu gemeinsamen Freunden ab. Ich habe ihr in den vergangenen 2,8 Jahren 248 Mal geschrieben und sie hat mir 153 Mal geantwortet. Was für ein Ungleichgewicht! Unser letzter Kontakt liegt 6,4 Stunden zurück. 

Das Kapitel „Julia“ ist nur ein Ausschnitt meines Gmail-Lebens. Wenn  ich mit einem Regler den Zeitraum der Grafik ändere, sehe ich Menschen auftauchen, andere verschwinden. In welchem Jahr kamen die meisten Adressen hinzu, wann verebbten Korrespondenzen?  Bin ich jemand, der viele Gruppenmails verschickt? Das alles auf einen Blick.

Meine Daten sind zunächst nur Diagramme und Zahlen. Aber 2012 nutzten laut Google  425 Millionen Menschen den E-Mail-Dienst Gmail. Und alle kann das Unternehmen nach Belieben abschöpfen, vergleichen und auswerten. Also, was sagt es über mich aus, dass ich durchschnittlich mehr E-Mails verschickt als empfangen habe? Nicht viel, finde ich. Aber „Immersion“ ist erst der Anfang meiner Reise in die Tiefen des Web 2.0. Denn mein Online-Sozialleben habe ich hauptsächlich über Facebook versendet, gepostet und verlinkt.

Kommentare zu " Datenschutz: Mein Blick in die Kristallkugel"

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  • Na klar, weil die Verbindung zu Scientology noch nicht publik ist...

  • Datenschutz???
    Gibts schon lange nicht mehr...
    ..und ein Gesetz, dass das sammeln und auswerten dieser Dinge mit persönlichem Einspruch verbieten kann wird wohl noch 15 Jahre brauchen. Ist auch schwierig, wenn das weltweit praktiziert wird.

  • Das Problem tritt doch immer dann auf, wenn Entscheidungen im Zusammenspiel mit anderen Menschen zu treffen sind. Natürlich kann jeder für sich entscheiden.

    Aber wenn es um Auswahlentscheidungen geht, besteht die Gefahr der Manipulation.

    Ein Beispiel: Es gibt Seiten, da wird das Wohnumfeld erstaunlich gut bewertet (zB. www.ihood.de). Wo kommen denn die Daten her, dass diese Bewertung doch gar nicht so schlecht ist? Egal ob man das Internet nutzt oder nicht, alleine aus diversen Daten wie Wohnumfeld etc. kann man schon sehr viel erfahren.

    Solange man sich nicht bewirbt, einen Kredit will oder umzieht (neue Wohnung sucht), mag es ja egal sein, was im Netz zu finden ist.

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