Der Datenhack und seine Folgen
Die Tragödien rund um Ashley Madison

Tränen, peinliche Geständnisse, beendete Ehen und Karrieren und vielleicht auch Selbstmorde. Der Datendiebstahl bei einer Seitensprung-Agentur zeigt deutlich, wie unsicher kompromittierende Daten im Netz sein können.
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London / San Francisco„Das ist kein Spaß mehr“. Torontos Polizeichef Bryce Eveans redet nicht um den heißen Brei herum. „Das war illegal und wir werden es nicht tolerieren“, richtet er seine Botschaft an die Hacker des „Impact Team“. Die kanadische Polizei und das amerikanische FBI sind mittlerweile in die Ermittlungen zum einem der größten und folgenschwersten Datendiebstahls aller Zeiten eingeschaltet.

Die betroffene kanadische Firma, Avid Life Media, hat eine Belohnung von 380.000 US-Dollar für Hinweise ausgelobt. Persönliche Daten mit teilweise intimsten Details von 37 Millionen Menschen stehen im Internet zum Abruf bereit. Gestohlen von Ashley Madison, einer Internet-Agentur für Seitensprünge, Slogan: „Das Leben ist kurz. Habe eine Affäre.“ Die Cyberkriminellen waren laut Avid Life Media am 12. Juli in die Computer eingedrungen und hatten mit der Veröffentlichung gedroht, wenn die Seite nicht ihren Betrieb einstellen sollte. Der Forderung kam die Gesellschaft nicht nach und ging zur Polizei. Vorige Woche landeten die Daten im Internet – die Folgen werden immer gravierender.

Zwei Selbstmorde, einer in den USA, einer in Kanada, sollen mit dem Hack zusammenhängen. Die Polizei will keine Details nennen, man „ermittele“. Aber bekannt ist, dass bereits Erpressungs-E-Mails an Menschen verschickt werden, deren Email-Adressen bei AM aufgetaucht sind. Rund 15.000 Angestellte im öffentlichen Dienst in den USA, darunter viele Militärangehörige, bangen um ihre Existenz. Untreue kann in den USA für Militärpersonal geahndet werden und zu unehrenhafter Entlassung führen.

Prominente wie der amerikanische Reality-TV-Star Josh Duggar haben öffentlich Abbitte geleistet und ihre Familien um Vergebung gebeten. Jeffrey Ashton, Staatsanwalt in Florida, gestand vor laufenden Kameras ein, sich angemeldet zu haben, bestreitet aber jemals wirklich eine Affäre gehabt zu haben. „Neugier“ habe ihn getrieben. „Auch wenn ich keine Gesetze gebrochen habe“, gestand er auf einer Pressekonferenz, die Tränen nur mühsam zurückhaltend, „so waren es doch unfassbar blöde Entscheidungen, die ich getroffen.“ So wie es viele andere vielleicht auch gemacht haben. Und es betrifft auch einfache Bürger und Angestellte in vielen Unternehmen.

Da ist etwa „Ana“, wie sie auf CNN Money genannt wird. Wie andere auch wollte sie gegenüber dem US-Sender ihre wahre Identität nicht offenlegen, aber ihre Geschichte erzählen. Vergangenen Donnerstag sei sie die ganze Nacht aufgeblieben, so die Frau in den 40ern, um mit acht verheirateten Männern zu kommunizieren, die sie auf Ashley Madison kennengelernt hatte. Sie waren in Panik weil ihre Frauen Wind von den Affären bekommen könnten. Sie wiederum hat blanke Angst um ihre berufliche Zukunft. Sie arbeite in der Finanzindustrie und ihre Kunden seien oft Paare oder kleine Unternehmen. Sie fürchtet bei einer Entdeckung um ihre wirtschaftliche Existenz. Ashley Madison war so etwas wie ihr Spielplatz, zitiert sie CNN, von einem kleinen Flirt bis zu drei Tagen in einem Hotelzimmer sei alles dabei gewesen. Jetzt kommt der Katzenjammer.

Nicht nur an Wall Street, auch in London und anderen Börsenplätzen geht die Angst um. Die US-Internetseite MarketWatch hat hunderte Banker gefunden, die sich scheinbar mit der offiziellen Email-Adresse ihres Arbeitgebers angemeldet haben. Scheinbar, weil sich jeder mit irgendeiner beliebigen Adresse anmelden konnte. AM hat niemals geprüft, wem die Adresse wirklich gehört. Besonders häufig erscheinen Adressen von Wells Fargo. Die Endung @wellsfargo.com taucht ganze 175 Mal in dem Datenwust auf. Gefolgt von @bankofamerica.com mit 76 Nennungen und der Deutschen Bank mit 73 Treffern.

Insgesamt ist die Zahl der Deutschen in den kompromittierenden Listen deutlich höher als zunächst angenommen. Erste Analysen sprachen von 300.000 „.de-Adressen“. Aber nach einer „nochmals verfeinerten Analyse“, wie das Hasso-Plattner-Institut aus Potsdam gegenüber Handelsblatt Online mitteilt, kann man jetzt von 423.711 deutschen Anmeldungen bei dem Seitensprung-Portal ausgehen. Knapp 390.000 geben „männlich“ als Geschlecht an, etwa 35.000 „weiblich“. Als Wohnort erscheint fast 32.000 Mal Berlin – der Spitzenplatz unter den deutschen Städten. „Weiblich“ ist rund 4000 Berliner Einträgen zu finden.

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Account ist nicht gleich Seitensprung

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  • "Ja, dann werfe ich mal den ersten Stein."
    Aha, ja cool, wenn ich Sie somit richtig verstehe, dann sind Sie also als einer der ultra wenigen Menschen auf dem Planeten ohne (!) Schuld und haben sich quasi damit das Recht "erlebt", um erhaben über alle Beziehungen anderer Leute zu urteilen!
    Prima, daher schlage ich Sie nun sogleich als Nachfolger von Mutter Theresa und Mahatma Gandhi vor, und bei so hoher moralischer Überlegenheit, ist es Ihnen freilich auch sicherlich ein Leichtes, den Kindern solcher (u.a. vom digitalen Mob) in den Selbstmord getriebenen Personen zu erklären, weshalb es definitiv okay ist, dass der betreffende Elternteil ja doch nur versucht habe die fahle Familienehre wieder herzustellen..
    Adieu!

  • Ja, dann werfe ich mal den ersten Stein. Dass man in einer Beziehung seinen Partner nicht betrügt, wenn es kein beidseitiges anderes Agreement gibt, ist doch nicht vorgestrig.

    Natürlich liegt der Veröffentlichung ein Verbrechen zugrunde und ich hoffe, die Täter werden gefasst und kommen vor Gericht.

    Aber Mitleid für die Opfer der Veröffentlichung kann ich überhaupt nicht empfinden und die Krokodils-Tränen derjenigen will ich nicht sehen und nehme diese nicht ernst. Handlungen führen zuweilen zu Konsequenzen - damit sollte man leben können oder die Handlungen unterlassen.

  • "Nur ein Grund mehr um daran zu zweifeln, wie sicher die Daten im Internet sind und ob man Web-Unternehmen in dieser Hinsicht trauen kann."

    Richtig. Und am wenigsten traut man dem StaatsUNwesen als allumfassenden Datensammler, denn das reicht alle Daten an alle Behörden und auch private Unternehmen(Stichwort: Melderegisterdaten) weiter und umgekehrt.

    Nur Daten, die nicht erhoben werden sind sicher. Ein Leben ohne BigData ist besser als eines mit. Das Leben geht genausogut ohne riesige Datensammlungen (egal von wem) weiter.

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