Viel wurde über das Urteil des Europäischen Gerichts im Fall Microsoft geschrieben und gesprochen. Doch allmählich stellt sich die Frage, ob die von den EU-Kartellwächtern angeheizte Diskussion über Microsofts Marktmacht nicht den Blick auf die tatsächliche Situation des Softwareanbieters verstellt. Immer mehr Kunden entscheiden sich für den Konkurrenten Apple.
Von derzeit über 90 Prozent auf nahe 50 Prozent soll der Marktanteil der Betriebssysteme aus dem Hause Microsoft sinken. Das hat die EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes vorgegeben. Gut möglich, dass sich ihr Wunsch schon bald erfüllt. Dies jedoch nicht, weil die Kartellhüter so hart vorgegangen sind. Nein, die größten Probleme des Konzerns aus Redmond sind hausgemacht: enttäuschte und frustrierte Vista-Kunden.
Das neue Betriebssysteme – das Herz-Kreislauf-System eines jeden Rechners – ist für Microsoft enorm wichtig. 30 Prozent des Umsatzes und 65 Prozent des Gewinns stammen aus diesem Geschäft. Doch Vista scheint nicht an den Erfolg seiner Vorläufer anknüpfen zu können. Erst in dieser Woche musste der Konzern einräumen, auf Druck der Kunden den Wechsel zurück auf den Vorgänger Windows XP zu erleichtern. Man stelle sich vor: Kunden, die ein neues Auto kaufen, erhalten vom Hersteller ausdrücklich das Recht, auf den zuverlässigeren Motor des Vorgängers zu wechseln. Und – noch schlimmer – die Käufer tun das auch noch.
Nun sollte man nicht vorschnell von einer Blamage sprechen. Schließlich sind Betriebssysteme sensible Produkte. Unternehmen überlegen gut, ob und wann sie ein solches austauschen. Viele werden warten, bis sie ohnehin ihre Rechnerflotte erneuern, womit Experten erst in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres rechnen.
Doch das Problem ist ernst. Fünf Jahre hat die Entwicklung von Vista gedauert. Das System sollte den Wettbewerb graphisch und bei den Funktionen in den Schatten stellen. Erreicht wurde dieses Ziel nicht.
Das zeigen nicht nur die Berichte über enttäuschte Nutzer. Das zeigen vor allem die Zahlen der Rivalen. Der im PC-Geschäft lange belächelte Computerkonzern Apple macht zunehmend Boden gut. Seit zig Quartel schon wächst dort das Geschäft mit den Stand- und Mobilcomputern um rund 30 Prozent.
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Immer mehr Kunden entscheiden sich für Apple statt für Vista-Rechner, trotz höherer Preise. Dies machen sie gewiss nicht, weil sie den Argumenten von Frau Kroes folgen. Man sollte fair bleiben: Apple agiert wie Microsoft. Die Apple-Systeme sind gegenüber dem Wettbewerb nicht minder abgeschottet wie die von Microsoft. Und wie die Redmonder verkauft auch die Apfelmarke ihre Rechner mit vorinstalliertem Media-Player.
Aber Apple kann punkten: beim Design und bei der Bedienung. Das kommt an. Die längst etablierte und bei der Nutzerfreundlichkeit verwöhnte iPod-Generation, sie ist für Microsoft eine schwer zu befriedigende Klientel.
Denn der Konzern steckt in einem Dilemma. Auf der einen Seite schiebt er mächtige Altlasten vor sich her. Auch Programme, die für frühere Betriebssysteme geschrieben wurden, sollen von den neueren Versionen beherrscht werden können. Was auf den ersten Blick nach Investitionsschutz und echter Kundenorientierung aussieht, hat sich längst zum Bremsklotz für Innovationen entwickelt. Noch so pfiffige Programmierer stoßen angesichts der garantierten „Abwärtskompatibilität“ an ihre Grenzen.
Auf der anderen Seite muss Microsoft gerade wegen der weiten Verbreitung seiner Betriebssysteme Rücksicht auf eine Unmenge von Zulieferern nehmen, die Druckern, Grafikkarten oder Software liefern. Das macht das System noch komplexer. Es ist paradox: Das, was den europäischen Kartellhütern ein Dorn im Auge ist, ist zugleich die größte Bedrohung des Konzerns.
Wie heißt jene leicht abgewandelte Redewendung aus der Zeit der französischen Revolution doch gleich? Der Erfolg frisst seine Eltern.

