Der Konzern sitzt auf Barreserven, mit denen er von heute auf morgen Daimler-Chrysler kaufen könnte
Gates’ Geldmaschine – Garantie abgelaufen

"Angst“, sagt John Connors. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten schon benutzt der Mann, der das größte Barvermögen der Welt verwaltet, das deutsche Wort, das ins Englische Eingang gefunden hat.

REDMOND. An der Wand seines Arbeitszimmers hängen bunte Bilder von Grizzly-Bären und einem Indianerhäuptling. John Connors kommt aus Montana, aus dem Westen, aus den Bergen. Für einen Finanzvorstand ist der Mann mit den blauen Augen ungewöhnlich locker, „Angst“, das passt gar nicht zu ihm. Dann schaut er aus dem Fenster, blickt auf schmucklose Flachdachgebäude, die so langweilig wirken wie deutsche Gründerzentren. Connors spricht von der „Angst, aus dem Markt gedrängt zu werden“. Die Firma liegt in Redmond im US-Bundesstaat Washington, heißt Microsoft und ist das wertvollste Unternehmen der Welt.

Angst in einem Konzern, der sich seit Jahren gegen Monopolvorwürfe wehren muss? Zumindest ist seit diesem Sommer ein Gefühl der Verunsicherung in Redmond zu spüren, als ob die Garantie der Geldmaschine abgelaufen wäre. An vielen Fronten gleichzeitig ist Microsoft unter Druck, da sind die nie enden wollenden Rechtsstreitigkeiten in den USA und Europa. Doch auch der wachsende Erfolg des freien Betriebssystems Linux, das dem Microsoft-Kernprodukt „Windows“ die Wachstumsmärkte rauben könnte, drückt auf die Stimmung. Und dann ist da der Dauerstress mit Viren, Würmern und Hackern, die dem Image der Microsoft-Software bereits schweren Schaden zugefügt haben.

Auf dem Papier mutet jeder Selbstzweifel lächerlich an. Als „unanständig“ bezeichnen Finanzanalysten die Margen der Programme „Windows“ und der Büroanwendung „Office“. Der Konzern sitzt auf Barreserven, mit denen er von heute auf morgen Daimler-Chrysler kaufen könnte. Und für Google blieb dann auch noch genug übrig.

Doch es ist genau diese Größe, die den erfolgsverwöhnten Führungskräften in Redmond einen Zug der Nachdenklichkeit verleiht. Bisher gehörte Bescheidenheit nämlich nicht zu den Kardinaltugenden dieser Leute. „Wir haben die Welt verändert, unsere Software läuft weltweit auf über 400 Millionen Computern. Genau deshalb sind wir global eine kritische Ressource“, sagt Craig Mundie, Vizepräsident und Technologiestratege. Über der Jeans trägt er ein Holzfällerhemd, das ist noch immer üblich in Redmond – jeder so, wie er will.

Und fast jeder in der Microsoft-Zentrale kennt das Buch des legendären Intel-Chefs Andy Grove „Nur der Paranoide überlebt“. Grove beschreibt darin die existenzielle Bedrohung für Unternehmen, die über Nacht mit einem völlig neuen Umfeld fertig werden müssen. Sein Fazit: Entweder man adaptiert den Wandel, oder man wird aus dem Markt gedrängt. „Wir sind uns der Zerbrechlichkeit unseres Geschäftsmodells wohl bewusst“, sagt Mundie.

Seite 1:

Gates’ Geldmaschine – Garantie abgelaufen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%