Tatsächlich ist in dem erst am vergangenen Donnerstag eröffneten Kundenzentrum viel mehr zu sehen als moderne Röntgengeräte oder bullige Computertomographen. Die mehr als 10 000 Gäste, die Siemens hier Jahr für Jahr erwartet, sollen erkennen, dass die Software im Hintergrund immer wichtiger wird.
Wenn es nach den Vorstellungen der Strategen in der Medizintechnikbranche geht, dann sind die Zeiten vorbei, in denen in den Kliniken die Aktenberge von einer Abteilung in die andere geschoben wurden. Von der Notaufnahme über den Operationssaal bis hin zum Hausarzt sollen bald alle Patientendaten elektronisch analysiert und verteilt werden. „Die Qualität steigt, die Kosten sinken“, verspricht Siemens-Vorstand Reinhardt. Künftig muss niemand mehr mit den Röntgenbildern unterm Arm vom Radiologen zum Hausarzt humpeln.
Erzrivale General Electric hat bereits vor zwei Jahren sein neues Kundenzentrum für die Medizintechnik eröffnet. Den Standort haben die Amerikaner bewusst gewählt, nicht zuletzt um Siemens zu ärgern: Der Ausstellungsraum liegt nur einige Kilometer nördlich der Münchener Siemens-Zentrale und ist über die große Werbung von der Autobahn aus gut zu sehen. Allerdings: Der weltgrößte Industriekonzern präsentiert seine Geräte wesentlich nüchterner als der deutsche Konkurrent.
Siemens hingegen lässt nichts unversucht, um seine Gäste aus der ganzen Welt zu umschmeicheln. Vom Ausstellungsraum im Erdgeschoss geht es mit dem Aufzug in den 14. Stock des Bürogebäudes. Dort ist nicht nur ein hervorragendes Restaurant. Von der Höhe aus zeigt sich auch all die Macht von Siemens. Der Blick zeigt viele Kilometer Werksgelände, hier, und nicht im feinen München, wird das Geschäft gemacht. „Hier ist der Sektor präsent“, sagt Vorstand Reinhardt. „Sektor“, so heißen die Siemens-Bereiche seit drei Wochen, seit der neue Konzernchef Peter Löscher den Koloss wegen der Korruptionsaffäre völlig umgebaut hat. Doch das ist eine andere Geschichte.

