Der Philosoph Norbert Bolz über Musik
‚‚Die stärkste Droge der Welt‘‘

Musik selbst ist vom Werk zum Medium geworden. „Jeder Konsument bastelt sich den Soundtrack zum eigenen Leben zusammen“, sagt der Philosoph Norbert Bolz und fordert, dass die Konzerne die Musik kostenlos abgeben sollten.
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Wirtschaftswoche: Herr Professor, haben Sie einen iPod?

Norbert Bolz: Nein, es ist zwar so, dass meine vier Kinder alle einen besitzen, aber ich selbst habe keinen. Ich gehöre zu der alten Welt, in der man noch Werke gehört hat und nicht nur einzelne Tracks.

Was ist der Unterschied?

Wenn Sie sich früher eine Platte von Pink Floyd angehört haben, dann haben Sie sich die ganze Langspielplatte von vorn bis hinten angehört und nicht nur einen Song. Die Beatles etwa haben verblüffenderweise relativ wenige Chart-Hits gelandet, Pink Floyd so gut wie gar keinen. Aber darum ging es auch gar nicht. Man wollte sich eine ganze Platte anhören und tauchte dann ein in eine Musikwelt.

Heute ist das anders?

Heute dominieren die Einzel-Titel, die Song-Clips, Sound-Bytes, was etwa in Klingeltönen der Mobiltelefone gipfelt, die nur noch aus dem Refrain eines Hits bestehen. Das ist eine vollkommen andere Hörkultur, die sich da entwickelt.

Welche Folgen hat das für Musiker?

Möglichkeiten, die das alte Werk dem Künstler noch bot, einen eigenen Stil zu entwickeln und möglicherweise durchzusetzen in der Welt, werden unwahrscheinlicher. Der Darwinismus des Hörens wird stärker. Die Gestaltungsmöglichkeiten der Komponisten dagegen werden durch den Zwang zur Kürze immer weiter eingeschränkt.

Bekommt Musik dadurch eine andere Funktion in der Gesellschaft?

Ja, die Beziehung zur Musik ist eine vollkommen andere geworden. Musik ist zum Medium geworden – jeder Konsument bastelt sich den Soundtrack zum eigenen Leben zusammen. Der Werkcharakter von Musik dagegen, der in der klassischen Musik evident ist, wird radikal ersetzt. Deshalb ist Musik heute auch nicht mehr zu vergleichen mit anderen Kunstformen, sondern mit Drogen. Musik ist die stärkste Droge der Welt. Insofern kehrt sie zurück an ihre Ursprünge – das dionysisch Rauschhafte der Musik im antiken Griechenland erlebt ein Revival.

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