Der Werber-Rat: Zeig’s ihnen, Madonna!

Der Werber-Rat
Zeig’s ihnen, Madonna!

Popstar Madonna stellt das Bild der gealterten Frau immer infrage und verletzt damit eines der letzten Tabus unserer Zeit. Doch: Wen stört es eigentlich, wenn eine über 50-Jährige nicht wie 50 aussehen will?
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Angenommen, Mick Jagger würde ein neues Album herausbringen. Gäbe es einen einzigen Artikel über den Zustand seines Hinterns? Würde überhaupt ein Wort geschrieben werden über seine Erscheinung?

Ganz anders Madonna. Wenn sie ein Album rausbringt, geht es nie allein um die Musik. Es geht auch immer um ihren Körper. Madonna ist eine Marke. Teil dieser Marke ist ihre Selbstinszenierung. Dazu gehört, dass sie Tabus verletzt. Eine ungeschriebene Regel ist, dass sich Frauen jenseits der 50 doch bitte damit abzufinden haben, unsichtbar zu werden.

Madonna ist das egal. Sie marschiert über den roten Teppich in einem Aufzug, der deutlich zeigt: „Mein Hintern ist immer noch eine Sensation!“ Was sie erntet, ist Häme. Das finde ich wirklich interessant, denn dies scheint eines der letzten Images zu sein, die Frauen nicht leben dürfen. Wen stört es, wenn eine über 50-Jährige nicht wie 50 aussehen will?

Vergangene Woche habe ich mich an dieser Stelle sehr gewundert, dass das Bild der Frau in der Werbung angeblich immer noch zu traditionsbehaftet und sexistisch sei. Ich bin fest davon überzeugt, dass es sich keine Marke mehr erlauben kann, Frauen sexistisch herabzuwürdigen.

Das Beispiel Madonna zeigt, dass es in der Popbranche deutlich anders zugeht. Viele Musikvideos bedienen sich klar der Ästhetik von Pornografie. Ein nacktes Mädchen (Miley Cyrus) auf einer Abrisskugel ist eine bewusst kalkulierte Provokation. Das Bild gehört in den Kanon der großen Popbilder. Wie sie auch Madonna über Jahrzehnte produziert hat. Was in der Werbung schon lange nicht mehr stimmt, ist in der Musikindustrie immer noch eine tiefe Wahrheit: Sex sells! Nur wenn das Sexobjekt nicht mehr süße 25 und weiblich ist, darf es boshaft verhöhnt werden.

Man kann darüber streiten, ob Madonna dazu taugt, unseren Blick auf Frauen jenseits der 50 zu verändern. Schließlich ist es nicht nur ihre Disziplin, sondern auch die ein oder andere Unterspritzung, die sie so gut aussehen lässt. Aber ist das nicht völlig egal? Das darf doch jeder für sich entscheiden. Die gealterte Frau ist eine der letzten Gruppen, die noch offen diskriminiert werden dürfen, hat Madonna kürzlich gesagt. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Zeig’s ihnen, Madonna!

Die Autorin: Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Zeig’s ihnen, Madonna!"

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  • Es ist schon merkwürdig, wie viel Aufmerksamkeit der Figur und dem Outfit Madonnas gewidmet wird. Ist sie nicht einst höchst erfolgreich als provozierender Popstar angetreten? Ist sie nicht in den 80ern wie eine Rakete durch die Charts gefegt? Was ist mit ihrer Musik von heute? Tatsache ist doch, dass sie in den Charts bestenfalls un "ferner liefen..." vermerkt ist. Ja sie provoziert noch, aber ist sie musikalisch nicht zum Überbleibsel ihrer eigenen Vergangenheit geworden?Tatsache ist doch, dass Madonna nur noch durch Figur und Outfit wahrgenommen wird. Sie war das Material Girl und jetzt ist sie eine reiche Frau, die die Nerven ihrer Umgebung mit ihren Extravaganzen strapaziert. Reden wir von Madonna, hätte ich gern das Material Girl wieder.

  • Vielen Dank für diesen intelligenten Artikel.

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