Der Widerstand gegen den Umbau wächst
Infineon: „Wir bleiben hier – dafür kämpfen wir“

Es ist kalt, das Thermometer zeigt nur wenige Grad über Null. Die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen zwischen den schon leicht gelblichen Blättern der Bäume am Karl-Preis-Platz kündigen jedoch einen schönen Tag an. Die Münchener lieben dieses herbstliche Wetter, denn es ist wie geschaffen für einen Besuch des Oktoberfests.

HB MÜNCHEN.Das bunte Völkergemisch, das sich um halb neun Uhr an einem Verkehrsknoten im Osten der bayerischen Landeshauptstadt trifft, hat mit der Wies’n in diesem Jahr nichts am Hut. Die Leute haben andere Sorgen. Die etwa 200 Männer und Frauen kämpfen um ihre Existenz. Seit der verlustreiche Chiphersteller Infineon sich entschlossen hat, sein Stammwerk in München-Perlach zu schließen, gehen viele der 800 Beschäftigten auf die Barrikaden.

„Wir bleiben hier, dafür kämpfen wir“, brüllen die Mitarbeiter des zweitgrößten europäischen Halbleiterherstellers auf dem Weg zur Konzernzentrale in der Balanstraße. Infineon-Chef Wolfgang Ziebart will die Fabrik dicht machen, weil sie sich nicht mehr lohnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ziebart und seine Vorstandskollegen noch umstimmen lassen, geht gegen Null, heißt es in Unternehmenskreisen. Trotzdem geben sich die Leute nicht geschlagen. „Eine kleine, flexible Fertigung für Spezialitäten“ könnte überleben, hofft Betriebsrat Alfred Eibl. Mit Pfeifen und Plakaten machen die Mitarbeiter im morgendlichen Berufsverkehr auf sich aufmerksam.

Alles sieht danach aus, als würde es in nächster Zeit noch mehr Proteste der Infineon-Mitarbeiter geben. „Man weiß nicht genau, wie es weiter geht“, warnt Eibl, der auch im Aufsichtsrat der früheren Siemens-Tochter sitzt. „Es ist noch völlig unklar, was die Ausgliederung der Speicherchips bedeuten würde.“ Angesichts der hohen Verluste in den vergangenen Jahren will Ziebart nicht nur das Werk in Perlach schließen, sondern das ganze Speichergeschäft vom profitableren Logik-Bereich trennen und auf eigene Beine stellen. Für Tausende Mitarbeiter ist offen, was sie erwartet.

Noch komme den meisten Mitarbeitern in der Zentrale die Demonstration „wie ein folkloristischer Umzug“ vor, sagt Michael Leppek von der IG Metall. Schon bald, fürchtet der Gewerkschafter, könnten aber auch ihre Jobs bedroht sein. Dann wendet er sich wieder den Demonstranten zu: „Die Manager haben eine Verantwortung für die Menschen“, ruft er ihnen trotzig über sein Megaphon zu.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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