Deutscher Presserat
Wenger Beschwerden über Medienberichte

Insgesamt gab es beim Deutschen Presserat weniger Beschwerden über die Berichterstattung von Bild und Co. Besonders viele Leser fanden jedoch die Bebilderung des Amoklaufs in Norwegen nicht seriös genug.
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BerlinDer Deutsche Presserat muss sich in diesem Jahr wohl mit weniger Beschwerden befassen. Die Zahl werde im Vergleich zum Vorjahr aller Voraussicht nach rückläufig sein, sagte der Sprecher des Presserats, Bernd Hilder, bei der Jahrespressekonferenz am Montag in Berlin. Das Gremium schätzt, dass 2011 um die 1.200 Beschwerden eingehen werden. Im „Rekordjahr“ 2010 hatten sich 1.661 Menschen an den Presserat gewandt. Dabei habe es aber auch zwei Massenbeschwerden gegeben, begründete Hilder die hohe Zahl.

Zur Berichterstattung über die Loveparade-Katastrophe in Duisburg waren 2010 mehr als 240 Beschwerden eingegangen, zum Titelblatt der Satirezeitschrift „Titanic“, das eine Karikatur eines katholischen Geistlichen zeigte, waren es knapp 200. „Solche Vorgänge hat es in diesem Jahr noch nicht gegeben“, sagte Hilder. Auch die Berichterstattung über den Amoklauf in Norwegen habe nicht zu einer solchen Fülle geführt, sagte er. Hier gab es 16 Beschwerden.

Es wurden eine nicht-öffentliche Rüge, eine Missbilligung und zwei Hinweise ausgesprochen. Insgesamt sieben Beschwerden wurden als unbegründet angesehen. Eine nicht-öffentliche Rüge erhielten die „Bild“-Zeitung und „Bild“-Online „für die Veröffentlichung eines Fotos, auf dem neben dem Attentäter selbst auch dessen Mutter sowie eine Freundin abgebildet waren“. Der Opferschutz hat nach Ansicht des Presserates bei Amokläufen und Unglücksfällen Vorrang.

Nach dem Amoklauf in Norwegen hätten viele Medien Fotos veröffentlicht, um den Opfern - so die Begründung - ein Gesicht zu geben, „um den Lesern das Ausmaß dieses schrecklichen Verbrechens emotional begreifbar zu machen“, sagte Hilder. Das habe der Presserat dann anders gesehen. Dies kollidiere mit dem Persönlichkeitsrecht der Opfer. „Nur weil Menschen zufällig Opfer eines schrecklichen Verbrechens werden, rechtfertigt dies nicht automatisch eine identifizierende Berichterstattung über ihre Person“, sagte Hilder.

Bisher 18 Beschwerden gingen in diesem Jahr zu einer Foto-Lovestory der Jugendzeitschrift „Bravo“ ein. Der Vorwurf lautet nach Angaben des Presserats, dass hier eine Vergewaltigung verharmlost werde. Die Beschwerden werden im Dezember behandelt. Mit Blick auf das laufende Verfahren wollte die Verlagsgruppe Bauer Media Group am Montag auf dapd-Anfrage keinen Kommentar dazu abgeben. Die drei Beschwerdeausschüsse sprachen im vergangenen Jahr 34 öffentliche Rügen, 7 nicht-öffentliche Rügen, 74 Missbilligungen und 84 Hinweise aus.

Knapp 350 Beschwerden wurden als unbegründet abgelehnt. Im laufenden Jahr waren es bisher 11 öffentliche Rügen, 7 nicht-öffentliche Rügen und 50 Missbilligungen. Den Angaben zufolge gehen mittlerweile mehr als die Hälfte der Beschwerden zu Online-Berichte ein, wobei diese häufig identisch mit der Printausgabe seien.

Der Presserat forderte zudem, das Pressefreiheitsgesetz endlich zu verabschieden. Die parlamentarischen Beratungen an dem Gesetz zur Stärkung der Pressefreiheit und des Schutzes von Journalisten im Straf- und Strafprozessrecht schienen ins Stocken geraten zu sein, sagte Hilder. Das bedauere der Presserat sehr, fügte er hinzu.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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