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16.05.2008 
Interview mit Gartner-Chef Peter Sondergaard

„Die Branche bleibt dynamisch“

von Till Hoppe

Peter Sondergaard ist Chefanalyst des weltweit tätigen Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Gartner. In dieser Funktion steuert er ein Team von 650 Analysten rund um den Globus. Im Gespräch mit dem Handelsblatt wagt Sondergaard eine Prognose zur weiteren Entwicklung der IT-Industrie.

Herr Sondergaard, die IT-Industrie ist bislang weitgehend vom Abschwung der US-Wirtschaft verschont geblieben. Wird das so bleiben?

Peter Sondergaard: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden sich auch auf die IT-Industrie auswirken, aber wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte des Jahres. Die Finanzkrise und die hohen Rohstoffpreise verunsichern die Verbraucher, was die Unternehmen zu spüren bekommen. Diese schrauben dann im nächsten Schritt ihre Investitionen zurück. Das wird voraussichtlich im kommenden Jahr zu einem langsameren Wachstum der IT-Industrie weltweit führen, aber nicht zu einer Rezession. Die IT-Industrie ist nach wie vor sehr dynamisch.

Warum kommen die Hard- und Software-Hersteller besser mit der schwierigen Lage zurecht, als die Gesamtwirtschaft?

Viele der Firmen sind echte Global Player und können das schwächere Geschäft in den USA dadurch auffangen. Wir sehen etwa in Asien nach wie vor ein sehr starkes Wachstum. Selbst wenn sich das Wachstum in China und Indien abschwächt, der positive Effekt ist immer noch enorm. Die großen indischen Mobilfunkanbieter beispielsweise gewinnen momentan jeden Monat 1,6 Millionen Kunden. Um das zu bewältigen, müssen sie massiv in ihre IT-Ausstattung investieren.

Sie prognostizieren auch für Europa ein überdurchschnittliches Wachstum der IT-Industrie. Wie stark treiben neue Techniken wie der Software-Vertrieb über das Internet das Geschäft?

Das spielt sicher eine Rolle. Die Nutzung von Programmen über das Netz bewegt die Industrie und wird sie tiefgreifend verändern.

Wie stark wird der Umbruch sein? Einige Experten glauben, dass Software in fünf Jahren nicht mehr auf CDs gebrannt und verkauft wird.

Auch 2013 wird noch auf vielen Rechnern die Software nach traditionellem Muster installiert. Bis ein solcher Systemwechsel vollzogen ist, dauert es üblicherweise zehn bis 15 Jahre. Die Kosten sind enorm und es gibt viele Widerstände.

Welche Widerstände sind das nach Ihren Erfahrungen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Einer unser deutschen Kunden hat mir erzählt, dass er seine alten Systeme weiter betreiben muss, weil er seine IT-Leute nicht entlassen darf. Die beherrschen die neue Technik aber nicht und wollen sie auch nicht erlernen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Wissen der Nutzer anzapfen

Was bedeutet dieser Trend für die großen Software-Anbieter wie Microsoft oder SAP, die ihr Geld bislang mit dem Verkauf von Software über traditionelle Datenträger verdienen?

Microsoft, Oracle, SAP sehen die Notwendigkeit, ihre Systeme zu ändern. Und sie haben das nötige Geld und die Erfahrung mit solchen Großprojekten. Die eigentliche Herausforderung betrifft aber ihr Geschäftsmodell. Sie verkaufen Lizenzen für ihre Software und bekommen dafür Geld, egal wie häufig die Kunden die Programme nutzen. Im Internet werden die Kunden aber nur noch dann bezahlen, wenn sie tatsächlich auf ein Programm zugreifen.

Also werden die Einnahmen unsicherer?

Sie können ihre Einnahmen schlechter voraussagen und bekommen deshalb Probleme mit den Finanzmärkten. Aber darüber reden sie nicht gerne.

Auch das Internet, genauer das Web 2.0, soll die traditionelle Wirtschaft umkrempeln. Ist die Erwartung hier nicht groß, schließlich tummeln sich dort bislang vor allem junge Menschen?

Es stimmt, momentan nutzen vor allem junge Leute das soziale Netz. Aber die Unternehmen werden dort bereits heute zunehmend aktiv und sie werden es künftig noch viel stärker nutzen.

Warum sollten sie?

Es bietet enorme Möglichkeiten: Die Firmen können ihre Kunden etwa in den Social Communities als Vertriebsmannschaft einsetzen. Und sie können das Wissen der Nutzer anzapfen. Es gibt bereits Angebote, auf denen Unternehmen ihre Probleme mitteilen und für deren Lösung eine bestimmte Summe anbieten können. Dadurch bekommen sie Zugang zu Tausenden Experten.

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