Die zweistelligen Wachstumsraten in der Halbleiterbranche sind nach Ansicht des neuen Infineon-Chefs Peter Bauer für immer vorbei. „Die ganz großen Sprünge wird es nicht mehr geben“, sagte der Vorstandssprecher des Münchener Chipherstellers. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt er außerdem, warum er für den Chipstandort Deutschland eine Zukunft sieht.
Die zweistelligen Wachstumsraten in der Halbleiterbranche sind nach Ansicht des neuen Infineon-Chefs Peter Bauer für immer vorbei. Nach wie vor könne die Branche aber Jahr für Jahr um einen hohen einstelligen Prozentsatz zulegen, so Bauer im Interview mit dem Handelsblatt. Foto: ap
Handelsblatt: Herr Bauer, Halbleiter sind in fast alle Bereiche unseres Lebens eingezogen. Trotzdem lässt das Wachstum der Branche seit einiger Zeit nach. Was läuft schief?
Peter Bauer: Die Stückzahlen sind in der Vergangenheit stark gestiegen, und sie werden auch in der Zukunft steigen. Auf der anderen Seite ist dieses Geschäft aber extrem wettbewerbsintensiv, das führt zu fallenden Preisen. Wenn man das gegeneinander aufrechnet, ergibt sich mittlerweile Jahr für Jahr ein hohes einstelliges Wachstum. Das ist nicht schlecht, es gibt kaum Industrien, die das schaffen. Wir sind nur etwas verwöhnt, weil vor der Internet-Blase die Halbleiterei im Schnitt 15 Prozent gewachsen ist.
Muss sich die Branche von den 15 Prozent Wachstum auf Dauer verabschieden?
Ich denke schon, denn unsere Branche kommt jetzt weltweit in eine Reifephase. Das liegt unter anderem daran, dass wir mit unseren Chips schon in sehr vielen Produkten vertreten sind, die Durchdringung steigt also nicht mehr so stark wie früher. Deshalb wird es die ganz großen Sprünge in der Zukunft nicht mehr geben.
Was heißt das für die Anbieter?
Grundsätzlich stellen wir uns in zwei Aspekten darauf ein. Erstens durch strenges Kosten- und Produktivitätsmanagement. Zum Zweiten durch Innovationen. Und das schaffen wir am besten, wenn wir den Endkunden-Nutzen noch besser verstehen lernen. Das gilt zum Beispiel für das wichtige Thema Energieeffizienz, wo unsere Chips schon einen gehörigen Beitrag leisten.
Immer mehr Konzerne aus Ihrer Branche geben einen Teil ihrer eigenen Fertigung auf, um Geld zu sparen. Wird sich das durchsetzen?
Da gibt es keinen einheitlichen Trend. Im Speichergeschäft, das wir als Infineon
ja nicht mehr als Kerngeschäft betreiben, gehören Fertigung und Entwicklung untrennbar zusammen. Die Produktivität in diesem Massenmarkt kommt aus den Werken. Anders sieht es aus, wenn es um Chips mit sehr kleinen Strukturen geht, die für spezielle Anwendungen entwickelt werden. Da geht es in Richtung der Fremdfertiger. Das liegt daran, dass hier die Skaleneffekte fehlen. Keiner der Anbieter kann sich die nötige Fabrik für drei Milliarden Dollar alleine leisten. In anderen Gebieten, wo die Chips nicht ganz so klein sein müssen, fertigen auch wir, wie viele andere, noch selbst.
Die Werke der Fremdfertiger stehen in Asien. Stirbt die Chipbranche in Europa aus?
Sie sprechen hier die Fertigung an, aber die alleine macht nicht selig. Die Entwicklung ist ebenso wichtig. Weil wir immer enger mit den Kunden zusammenarbeiten, müssen die Entwickler auch vor Ort sein. In der Automobil- und Industrieelektronik ist der Leitmarkt Europa, das zieht die Halbleiterindustrie an. Auch die Kommunikation ist nach wie vor ein interessanter Markt in Europa.
Europa als Chipstandort ist also nicht in Gefahr?
Wir leben von unseren Kunden. Wenn der Standort Deutschland nachlassen würde in seiner Innovationskraft, beispielsweise in der Industrie- oder Autoelektronik, dann würden wir das sehr wohl spüren. Aber bis jetzt gehe ich nicht davon aus, dass die Branche aus Europa verschwindet.
Nochmal: Neue Werke entstehen aber hauptsächlich in Asien. Das lässt sich doch wohl nicht bestreiten, oder?
Natürlich nicht, dort wo Löhne eine große Rolle spielen, gibt es Verlagerungstendenzen. Die vom Personal her sehr aufwändige Verpackung der Chips zum Beispiel findet fast ausschließlich in Asien statt.
Seit etlichen Jahren wird angesichts der roten Zahlen vieler Anbieter über eine Konsolidierung in der Halbleiterbranche geredet. Doch es entstehen weiter laufend neue Firmen. Ist das nicht paradox?
Die Konsolidierung gibt es, aber nicht in der Form, dass weltweit nur noch fünf große Chipkonzerne den Markt beherrschen. Vielmehr bilden sich führende Anbieter in den einzelnen Segmenten, zum Beispiel für Automobilelektronik. Die Zahl der Firmen nimmt dabei nicht ab, aber die Gewichte verschieben sich.
Der Mensch
Der gebürtige Münchener steht seit Anfang Juni an der Spitze des Halbleiterherstellers Infineon. Der 48-jährige Manager hat sein gesamtes Berufsleben bei dem Münchener Unternehmen verbracht. Seit der Abspaltung von Siemens im Jahr 1999 sitzt der Elektrotechniker im Vorstand des zweitgrößten europäischen Chipproduzenten.
Die Aufgabe
Der Manager muss Infineon möglichst schnell in die schwarzen Zahlen bringen. Der Schlüssel dazu ist, das angeschlagene Geschäft mit Telekommunikationschips zu sanieren. Zudem will Bauer die Beteiligung an der verlustreichen Infineon-Tochter Qimonda möglichst bald abbauen. Die roten Zahlen von Qimonda belasten den Mutterkonzern schwer.
Die Firma
Infineon ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Seit dem Börsengang im Jahr 2000 plagen das Dax-Unternehmen vor allem Verluste und Skandale. In diesem Frühjahr begleiteten den Abgang von Bauers Vorgänger Wolfgang Ziebart zahlreiche Indiskretionen. Derzeit läuft ein neues Umbauprogramm, 3 000 Stellen fallen weltweit weg.


