Vor sieben Jahren ging die Übernahmeschlacht zwischen Mannesmann und Vodafone zu Ende – was übrig blieb von dem Traditionskonzern, füllt mehr als 10 000 Regalmeter.
MÜLHEIM. Er hat ein ungutes Gefühl. Die Sache könnte schief gehen. Mindestens drei Mal schon hatte das Unternehmen eine feindliche Übernahme in seiner gut 110-jährigen Geschichte abwenden können. Ob es wieder klappt? „Ich war besorgt, wie so viele Mitarbeiter“, erzählt Horst Wessel.
Der kleine, asketisch wirkende Mann konserviert seit Jahrzehnten die Konzerngeschichte und poliert historische Reminiszenzen auf, er verfasst Chroniken und organisiert Ausstellungen, er ist Herr über mehr als 10 000 Regalmeter Akten, drei Millionen Fotos und 10 000 Filmrollen, historische Aktien, Münzen, Prospekte und allerlei Gerätschaften aus Stahlrohr. All das will Wessel rechtzeitig retten. Denn er fürchtet, das Unternehmen werde nicht mehr lange selbstständig bleiben.
„Ich bin zum Vorstandschef und dem Aufsichtsratsvorsitzenden gegangen“, erzählt der Wirtschaftshistoriker später, „und habe vorgeschlagen, eine Stiftung zu gründen und das Archiv dort einzubringen.“ Der Vorschlag wird abgelehnt, zwei Mal. Haben die Herren doch ganz andere Dinge im Kopf. Immerhin, sie versuchen die Bedenken des Archivars zu zerstreuen. Wessel: „Ich müsste mir keine Sorgen machen, das werde schon nicht schief gehen, wurde mir gesagt.“
Doch die Sache geht schief, das müssen sich auch Vorstand und Aufsichtsrat spätestens am 3. Februar 2000 eingestehen. Vodafone, ein vergleichsweise kleiner, britischer Emporkömmling aus der noch jungen Mobilfunkbranche, schluckt Mannesmann, einen deutschen Industriekonzern mit einer bewegten Geschichte. Es ist die größte Fusion der Wirtschaftsgeschichte und zugleich die erste, bei der ein deutsches Unternehmen nach einer harten Übernahmeschlacht an einen Ausländer geht.
Ein Angriff auf die „Deutschland AG“. Der Börsenboom macht es möglich, als Konzernchefs mit der Währung Aktien ein Unternehmen nach dem anderen kaufen, als Woche für Woche spektakulärere Deals verkündet werden, als immer mehr Deutsche dem Lockruf der Börse folgen.
Heute, sieben Jahre später – vom Börsenboom sind fast nur Erinnerungen geblieben, und von Mannesmann? Der Konzern existiert nicht mehr, er ist zerlegt und verkauft. Die Einzelteile aber, die gibt es bis heute. Einige stehen sogar besser da als je zuvor. Und der Name Mannesmann, der ist geblieben – als Bestandteil der Mannesmannröhren-Werke und der Mannesmann Plastics Machinery, als ein Fall, der Rechtsgeschichte schrieb und im Mittelpunkt eines Wirtschaftskrimis stand.
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